BONN. - Was tut eigentlich ein deutsches Staatsoberhaupt? Es unterzeichnet. Es repräsentiert. Es empfängt. Es gibt. Es reist. Es besucht.

Es verleiht. Es schaut und hört zu. Und es redet. Zwischen dem 6. Mai 1996 und dem 11. Juni 1997 hat Roman Herzog 103 Reden gehalten, die veröffentlicht wurden und deshalb im Bundespräsidialamt als offizielle Ansprachen gelten.

103 Reden! Wahnsinn, denkt der ausländische Korrespondent und legt den Hörer auf.

Aber dann erinnert er sich, irgendwo gelesen zu haben, ein Bundespräsident könne nur mit öffentlicher Rede etwas anstossen, anregen, bewirken - wenn er das denn wolle. Daran besteht im Falle Herzog ja nun gar kein Zweifel. Der Mann strahlt ein Selbstbewußtsein aus, das bei einem bloß allerhöchsten Staatsnotar ganz deplaziert wäre. Unvergeßlich, wie er, von seiner Wahl noch ganz überwältigt, den Berlinern bekanntgab, er sei wieder da. Als ob die ausgerechnet darauf gewartet hätten.

Vielleicht haben sie ihre Meinung geändert. Immerhin trägt eine der 103 Reden des Roman Herzog den stolzen und wohl programmatisch gedachten Titel "Berliner Rede". Ganz einfach: Berliner Rede, obwohl Herzog dort noch Dutzende von Reden gehalten haben muß, denkt der Korrespondent. Aber gemeint ist offensichtlich Die Berliner Rede. Nur sie hält der präsidiale Redner für so wichtig, daß sie geographisch seinem hauptsächlichen Sitz zugeordnet wird.

Herzogs Berliner Rede: Das tönt wie Chiracs Pariser Rede oder Clintons Washingtoner Rede. Da zwinkern sich die Kenner nur noch zu: Ganz wichtige Sache, klar.

Die Rede wurde am 26. April gehalten und wird seither relativ intensiv diskutiert. Jedenfalls intensiver als andere Reden des gleichen Präsidenten, die solche Aufmerksamkeit ebenfalls verdienten, wenn sich der Ausländer die Bemerkung gestatten darf.