DAS LETZTE

Das Leben geht weiter. Oder, wie es der unvergessene Fußballehrer Dragoslav Stepanovic nach dem tragischen Abstieg seiner Frankfurter Eintracht unvergeßlich formulierte: "Lebbe geht weider!" Wir verneigen uns vor allen Absteigern!

"Das Leben geht weiter", sagte heute morgen auch unser lieber Kollege Herr K. - und versuchte, möglichst tapfer dabei auszusehen.

Doch wer ihm in die wassernassen Augen blickte, wußte, daß er nicht glaubte, was er sagte. "Lebbe geht weider!" sagte Herr K.

dann noch - dann sagte er nichts mehr. Und verneigte sich langsam und stumm.

Alles war anders als sonst an diesem Morgen in Deutschland. Schon unser Hausmeister benahm sich überaus merkwürdig - statt, wie es seines Amtes ist, die Mülltonnen zu inspizieren, schaute er träumerisch hinauf in die Wipfel der Bäume. Und verneigte sich.

Oder, etwas später, die beiden Kollegen in der ZEIT-Herrentoilette am Speersort, 4. Stock. Statt einander, wie sonst jeden Montagmorgen, die besten Wochenendherrenwitze zu erzählen, blieben sie heute stumm. Gedankenverloren urinierend, verneigten sie sich.

Kurzum: ganz Deutschland verneigte sich. Und nicht nur Deutschland!

DAS LETZTE

Wie unsere Korrespondenten exklusiv berichten, verneigten sich Papst Wojtyla und Mutter Teresa. Mike Tyson und Rita Süssmuth.

Ja, es verneigten sich sogar Menschen, denen es sonst doch am Respekt für den Mitmenschen fehlt, es verneigten sich die Herren Pol Pot und Karadzic.

Es verneigten sich auch, vom Sommerwind aufgewühlt, die Ähren und die Blumen und die blätterbeladenen Bäume. Es verneigten sich die Fische in den Wassern und die Vögel in den Lüften. Sogar die schneebedeckten Berge hätten sich gern an diesem Tage verneigt - wenn der Allmächtige ihnen hierzu die Mittel gegeben hätte.

So wurde auf wunderbare Weise wahr, was die Bild-Zeitung zu Boris Beckers Abschied aus Wimbledon schrieb: "Die ganze Welt verneigt sich."

Und nun? Nun nichts mehr. Das Leben geht weiter, aber wohin, warum, wozu? "Nach Boris kommt die große Leere", schreibt das Hamburger Abendblatt. Und die Süddeutsche Zeitung vergleicht die verlassenen Deutschen mit dem Fischer und seiner Frau, die plötzlich wieder im Pißpott wohnen.

Daran ist jedes Wort wahr. Vorbei die wohl glücklichsten zwölf Jahre, die unser leidgeprüftes Vater- und auch Mutterland erleben durfte. Diese Zeit, die Becker-Zeit vom 7. Juli 1985 bis zum 3.

Juli 1997, wird dereinst in den Geschichtsbüchern als "Leimener Republik" verzeichnet stehen.

DAS LETZTE

Boris geht, und nimmer kehrt er wieder - macht es sich schön mit der liebreizenden Frau Barbara und auf der kleinen Arche Noah Gabriel. Und wir Deutschen fallen in unser altes Elend (schlechtes Wetter, schlechte Laune et cetera) hilflos zurück.

Lebbe geht weider, nun gut. Aber höchstens in der zweiten oder dritten Liga. Und auch das nur so lange, bis Gott, der noch härter aufschlägt als Pete Sampras, zum letzten Tiebreak bittet.