BRANDENBURG. - An diesem Sonntag abend ist das Mittelschiff des Domes bis auf den letzten Platz gefüllt. Ludwig Güttler und seine zehn Blechbläser geben ein Benefizkonzert der Bau ist gefährdet und soll erhalten werden.

Schon sind der böhmische Flügelaltar aus dem 14. Jahrhundert und der spätgotische Kreuzaltar mit einer Holzverschalung vor kommenden Bauarbeiten geschützt. Und unter den ruhigen, weitgespannten Linien des Deckengewölbes, dort, wo einst eine romanische Balkendecke den Raum abschloß, hängt ein Schutznetz. All das tut dem akustischen Genuß keinen Abbruch. Güttler und seine Männer blasen wie himmlische Heerscharen, und Bachs "Echo" klingt verblüffend wirklich wie ein Echo: von der Empore, aus dem Gang und der Sakristei.

Das bautechnische Dilemma dieser ersten norddeutschen Bischofskathedrale an der Havel, gemäß dem Armutsgebot der Prämonstratenser in Backstein erbaut, begann bereits im 14. Jahrhundert. Auf die flachgedeckte romanische Basilika wurde ein gotisches Mittelschiffsgewölbe gesetzt, was die Fundamente und alten Pfeiler nicht lange aushielten: 1562 stürzte eine Querschnittsfassade ein. Die wurde zwar erneuert, alles andere aber immer nur notdürftig geflickt.

Selbst Schinkel resignierte 1828: "... sonst halten wir dafür, daß es nicht der Kosten verlohnen würde, im Äußeren eine bessere Architektur oder eine Vervollständigung derselben über die ganze Kirche ausgedehnt durchzuführen, indem das Gebäude auf eine sehr lange Dauer nicht mehr Anspruch machen kann."

Daher begnügte er sich damit, Zuganker im Mittelschiff einbringen zu lassen, die den Einsturz von Gewölben verhinderten, und alles entbehrliche Barocke im Innern zu entfernen. Erst kurz vor der 800-Jahr-Feier 1965, als die Risse und Verformungen im Mauerwerk Dramatisches befürchten ließen, wurde das gesamte Mittelschiffsfundament rigoros freigelegt und mit einer Stahlbetonkonstruktion gesichert.

"Seit der Dom steht, gab es immer wieder Phasen, in denen an ihm gearbeitet wurde. Und was in den nächsten Jahren passieren wird, kann keiner voraussagen. Die statischen Unsicherheiten wachsen." Hans-Ulrich Gräber, seit 1982 Rentmeister des Domstifts, sieht die Sache pragmatisch. Er gehört zum Vorstand des Fördervereins Dom zu Brandenburg, der vor zwei Jahren gegründet wurde, um Geld für die nächste Rettungsaktion zu beschaffen. Ist doch nun dringend erforderlich, Dach und Teile des Gewölbes zu stabilisieren. Auch Kanzel, Epitaph im Langhaus und die Orgel bekommen Schutzhäuser.

Am 14. Juli soll der Dom geschlossen werden, damit die Bauarbeiter freie Hand haben. Hans-Ulrich Gräber ist froh, daß die Bausubstanz wieder mal gesichert werden kann. "Davon, daß der Dom im alten Glanz erstrahlt, ist noch lange keine Rede." Mit Hilfe von Bund, Land und Stadt Brandenburg, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Fördervereins sind die erforderlichen Mittel zusammengekommen. "Wir überlegen, ob man Besuchern nicht wenigstens einen Blick auf die Bauarbeiten im Mittelschiff gewähren könnte", sagt Hans-Ulrich Gräber. Das Dom-Museum mit seinem kürzlich restaurierten gotischen Textilschatz - liturgische und Chorgewänder - bleibt geöffnet. Das Konzert ist zu Ende. Erst nach drei Zugaben verebbt der Beifall. Das Publikum steigt in die Autos mit Kennzeichen aus Berlin, Potsdam und Umgebung. Einige Besucher spazieren noch mal über das Kopfsteinpflaster, vorbei an Burghof, Domkurien und Klausurgebäuden, die schon auf der DDR-Denkmalliste ganz oben rangierten. Vorbei auch an der klinkerroten Turnhalle, die seit der Auflösung des Prämonstratenser-Konvents im 16. Jahrhundert der Ritter-Akademie und damit Söhnen des märkischen Adels zur Körperertüchtigung diente.