Washington Fast alle europäischen Botschaften in Washington beschäftigen wenigstens einen Diplomaten, der sich ausschließlich mit amerikanischer Nahostpolitik befaßt. Zu seiner Tätigkeit gehört der Besuch von Cocktailparties, politischen Seminaren und Vorträgen, die entsprechende Lobby-Gruppen regelmäßig veranstalten. Beliebte Themen dieser Tage sind der internationale Terrorismus und der richtige Umgang mit "Schurkenstaaten" (rogue states) wie Iran, Libyen, Sudan und Syrien, die sich amerikanischen Interessen widersetzen. Die Grenzen zwischen Innen- und Außenpolitik verlaufen bei solchen Veranstaltungen fließend. Amerikanische Außenpolitik ist traditionell eine Fortsetzung der Innenpolitik mit anderen Mitteln. Das gilt vor allem im Nahen Osten, wo Washington vor allem drei Ziele verfolgt: die uneingeschränkte Unterstützung Israels, die Sicherung der Ölquellen am Golf und die "zweifache Eindämmung (dual containment) von Irak und Iran mit Hilfe von Wirtschaftssanktionen und politischer Ausgrenzung. Strategische Interessen spielen dabei ebenso eine Rolle wie ein moralisch begründetes Sendungsbewußtsein, das sich häufig verbindet mit schlichter Wahlkampftaktik.

Das betrifft insbesondere den Iran. Die Geiselnahme amerikanischer Diplomaten 1979/80 in Teheran ist bis heute in der amerikanischen Öffentlichkeit weder vergessen noch vergeben.

"Amerikaner neigen zu einer moralistischen Haltung in der Außenpolitik", meint der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Brent Scowcroft. "Wenn ein ausländischer Staat ihren Gerechtigkeitssinn oder ihre Vorstellungen von Richtig und Falsch verletzt, fühlen sie sich verpflichtet zu reagieren. Das gilt gleichermaßen für Republikaner und Demokraten."

Hinzu kommt die amerikanische Vorliebe für einfache Weltbilder. Längst hat der Iran die Sowjetunion als "Reich des Bösen" abgelöst, gilt der islamische Fundamentalismus als die größte Bedrohung amerikanischer Interessen im Nahen Osten. "Die Islamisten wollen alle Länder und Regierungen des Nahen und Mittleren Ostens kontrollieren", behauptet Bill McCollum, republikanischer Kongreßabgeordneter aus Florida. "Wir sind ihnen dabei im Weg. Sie wollen nicht unsere kulturellen Werte, sie wollen nicht unser Fernsehen, sie wollen nicht unsere Militärpräsenz. Sie wollen uns weghaben. Deswegen machen sie Terror, vor allem der Iran, der die Islamisten dirigiert." Die intelligentere Variante dieses Weltbildes stammt aus der Feder von Samuel Huntington und nennt sich "Kampf der Kulturen" - ein Bestseller auch in Deutschland.

Dual containment, im Mai 1993 von Präsident Clinton verkündet, ist bis heute eine Leitlinie amerikanischer Nahostpolitik. Die zweifache Eindämmung - des Irak wie vor allem des Iran - sei aber "mehr ein Slogan als eine Strategie", kritisieren die ehemaligen Nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski und Brent Scowcroft in der Mai-Juni-Ausgabe von Foreign Affairs. Saddam Hussein sitze noch immer fest im Sattel, und die Isolierung Teherans durch die Amerikaner bewirke lediglich eine Annäherung zwischen Iran und Rußland.

Das Verhältnis Washingtons zu den übrigen G-7-Staaten werde überdies belastet, weil weder Europa noch Japan einen Bruch mit Teheran wollten. Statt des jetzigen Kurses empfehlen die Autoren eine "differenzierte Eindämmung", eine Politik von "Zuckerbrot und Peitsche", die iranisches Wohlverhalten mit Entgegenkommen belohne, völkerrechtswidriges Verhalten hingegen in Absprache mit den Verbündeten bestrafe.

In den Korridoren der Macht, vor allem im State Department, wird hinter vorgehaltener Hand durchaus eingeräumt, daß die amerikanische Iran-Politik zuwenig pragmatisch sei. Eine Änderung sei dennoch unwahrscheinlich. Zwei Gründe werden dafür genannt: Zum einen sei dual containment ein Lieblingskind der proisraelischen Lobby, mit der sich in Washington niemand anlege, am allerwenigsten der Präsident. Zum anderen gebe es auch nach dem Sieg des vergleichsweise gemäßigten Khatemi bei den iranischen Präsidentschaftswahlen vom 23. Mai keinerlei Hinweise auf einen Kurswechsel Teherans gegenüber den nach wie vor als "großer Satan" gegeißelten Vereinigten Staaten. Und Clinton habe nicht vergessen, daß die falsche Einschätzung iranischer Verhältnisse - die mißglückte Geiselbefreiung 1980 - Präsident Carter damals die Wiederwahl gekostet hat.