Am Anfang war das Kino ein Kinderspiel. Die Menschheit war erwachsen, das Universum begriffen und die Welt entzaubert. Aber nun, auf der Leinwand, sahen die Dinge aus wie zum ersten Mal: groß, bedrohlich, unfaßbar. Selbst die Sterne funkelten wieder.

Wenn das Kino - nicht das moderne Kino aus den großen Fabriken, sondern dieses alte, fast schon vergessene - jemals Gestalt annehmen würde, sähe es aus wie Edgar. Edgar ist ein Kindskopf von ungefähr zwanzig Jahren und ein bißchen langsamer als wir schnellen Menschen von heute. Er trägt eine Pudelmütze, er hat eine Großmutter, und er glaubt nur, was er sieht. Zum Beispiel glaubt er an den kleinen Muck, denn draußen vor seinem Fenster strahlt nachts eine Sarotti-Reklame, und im Einkaufszentrum steht der Mohr persönlich und verteilt Schokolade. Im Kino kann der kleine Muck sogar fliegen. Deshalb ißt Edgar gern Schokolade und verliebt sich in Anne, das Mädchen im Mohrenkostüm.

In Edgars Augen erscheint die Welt nah und fremd. Die keimende Kartoffel ist ein Schwan mit langem, gebogenem Hals. Ein Stück Papier läßt sich zu einem Piratenschiff falten, den Abenteuerroman gibt's gratis dazu. Die Gitterstäbe des Rattenkäfigs sind Edgars Musikinstrument, handlicher als eine Harfe. Weil Edgar so langsam ist, schaut er die Dinge so lange an, bis sie zurückschauen. Ich sehe was, was du nicht siehst, wie im Kinderspiel für langweilige Autofahrten.

Man könnte sagen, daß "Edgar", der Film, einen Behinderten portraitiert.

Einen zurückgebliebenen Jungen mit einer besorgten Mutter, der nicht glauben will, daß die Oma gestorben ist, weil es auf dem Friedhof nur dieses Loch für die Urne gibt, und die Oma sah schließlich anders aus. Edgar wirft das zerknüllte Blumenpapier ins Grab.

Löcher, das hat er gelernt, sind für den Müll da.

Man könnte auch sagen, daß "Edgar" das Alphabet des Kinos neu buchstabiert, als sei das visuelle Zeitalter noch nicht in die Jahre gekommen. Regisseur Karsten Laske beherrscht die Grammatik der Filmsprache nicht fließend. Dem Blick des Routiniers setzt er Geduld und Neugier entgegen. Eine Nahaufnahme, eine Saxophon-Melodie, eine Busfahrt, Momente von Gegenwart. Oder ein Satz über Gewalt: "Messerwerfen kann im Betrieb sonst nur der Matthias. Aber es ist nämlich verboten, weil es gefährlich ist." Edgar wirft ein Messer an die Wand und zieht aus, um das Staunen zu lernen.