Die Entscheidung fällt fünfzig Jahre zu spät. Am 14. Juli wird zum ersten Mal ein "Unberührbarer" zum indischen Präsidenten gewählt. Auf den einstigen Diplomaten Kocheril Raman Narayanan haben sich alle großen Parteien geeinigt, sogar die vom indischen Adel, den Brahmanen, dominierte rechts-hinduistische Volkspartei BJP. Pharisäerhaft klopft man sich auf die Schulter: Macht sich ein so symbolträchtiger Akt nicht gut im fünfzigsten Jahr der Unabhängigkeit?

Mahatma Gandhi wollte Chancengleichheit - von Anfang an. Die Verspätung scheint den bekannten Politikwissenschaftler Ashish Nandy in Delhi nicht zu irritieren. Ganz unbekümmert schwärmt er: "Das ist so, als ob ein Schwarzer amerikanischer Präsident würde." Doch der Vergleich ist hohl und falsch.

Dem zukünftigen Präsidenten ist die übertriebene Lobpreisung des symbolträchtigen Ereignisses verdächtig. Der 76jährige ist ein sanfter, leiser Mann, aber nun fragt er trotzig: "Was soll das heißen, sie hätten sich alle wegen meiner Kastenzugehörigkeit geeinigt. Sollen sie es doch offen sagen: Ich bin ein Outcast. Wenn es nach mir ginge, würde das Kastensystem abgeschafft." Anerkennen will er allenfalls, daß er ein Hoffnungsträger für Millionen Menschen werden könne. Aber, so fügt er gleich hinzu: "Das bedeutet doch noch nicht, daß man in diesem Lande den Bedürfnissen des kleinen Mannes gerecht geworden wäre. Es ist weiterhin notwendig, besondere Anstrengungen zu unternehmen, um den Gleichheitsgrundsatz für alle durchzusetzen und die besonders Benachteiligten zu fördern."

Der belesene, ungeheuer gebildete Narayanan wurde in ärmste Verhältnisse hineingeboren. Seine Heimat, das Dörfchen Uzhavoor in Kerala, ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Die Hütte, in der er als viertes von sieben Kindern aufwuchs, steht noch sie ist aus Lehm gebaut, hat zwei kleine Räume, aber keine Elektrizität, kein Wasser, keine Toilette. Der Vater war ein traditioneller Heiler, die Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Aber sie waren fest entschlossen, alle ihre Kinder lernen zu lassen, auch die Töchter.

Häufig konnte der Vater das Schulgeld für seinen Sohn nicht bezahlen. "Dann stand ich vor der Schultür und belauschte den Unterricht", erinnert sich der alte Mann. "Manchmal ließ mich der Lehrer unter dem Gelächter der ganzen Klasse auf einer Bank stehen. Da habe ich gelernt, mir ein dickes Fell zuzulegen." Als Kind hat Narayanan, dessen dunkle Hautfarbe obendrein als Makel galt, die schlimmsten Auswüchse des Kastensystems miterlebt, etwa die "Verschmutzung durch Unberührbare": Wenn beispielsweise der Schatten eines Kastenlosen auf einen hochkastigen Hindu fiel, konnte der nur durch langwierige Zeremonien oder durch den Tod des Unberührbaren gereinigt werden.

Ein Kastenloser durfte im übrigen nicht einmal wagen, einen Hochkastigen anzusprechen.

Das hat sich geändert. Soziale Mobilität beginnt, vor allem in den Städten, die Kastengrenzen zu verwischen. Aber auf dem Land herrscht immer noch eine drakonische Tradition: Da wird den Unberührbaren selbst in Zeiten tödlicher Dürre verboten, Wasser aus den Brunnen der Brahmanen zu schöpfen sie haben keinen Zutritt zu den Tempeln der Hochkastigen die Forderung nach mehr Lohn oder gar sozialer Gerechtigkeit wird von den Privatarmeen der Landlords blutig bestraft. Die Gemetzel in den abgeschotteten Kolonien der Kastenlosen werden verborgen hinter einer Mauer des Schweigens, die die Hochkastigen solidarisch errichten.