London Atemberaubend das Tempo, ungewohnt die Richtung, die New Labour einschlägt - wer hatte schon vor der Wahl wissen können, was Tony Blair meinte, wenn er von "radikaler Mitte" sprach und einer Politik "jenseits von links und rechts"? Kaum neun Wochen im Amt, vermittelt die Regierung der Bevölkerung das Gefühl, sie breche tatsächlich zu neuen Ufern auf. Blair ist der populärste Premier, seit es Meinungsumfragen gibt. Und auf der internationalen Bühne, in der Welt der Gipfeltreffen, zeigt sich wieder einmal der "Babyeffekt": Ein neuer Regierungschef wirkt auf seine erfahrenen Kollegen wie ein Neugeborenes - man mag es sich nicht gewünscht haben, aber angesichts so viel unschuldiger Hoffnung kann man nicht anders, als es zu mögen.

Kaum jemand in Großbritannien mag bestreiten, daß der Start von New Labour fulminant war. Sieht man vom vertrackten Nordirlandproblem ab, scheint der neuen Regierung alles zu gelingen. Jetzt zahlt sich aus, daß sich die Partei gründlich auf die Machtübernahme vorbereitet hatte. Nach dem Wahlsieg brauchte man nur noch die fertigen Pläne aus der Schublade zu ziehen und zu beginnen, sie durchzusetzen. Dabei erweckt New Labour keineswegs den Eindruck, in hektischen Aktionismus zu verfallen. Betrachtet man das gesamte Bündel von Beschlüssen, Gesetzesinitiativen und Absichtserklärungen - beginnend mit der Entscheidung, der Bank von England Unabhängigkeit zu verleihen, über den Haushalt bis hin zum neuen Weißbuch über Erziehungspolitik -, wird das Bemühen um einen großen Wurf erkennbar.

Finanz-, Wirtschafts-, Sozial-, Rechts- und Bildungspolitik: alles dient dem "New Deal", den Blair und sein "eiserner Schatzkanzler", Gordon Brown, dem Land versprochen haben.

Großbritannien, so lautet das Ziel, soll sich für die Welt globaler Märkte, technologischen Wandels und neuer ökonomischer Konkurrenten rüsten. New Labour begrüßt die modernen Zeiten und verbindet damit den Versuch, Politik und Wirtschaft zu "remoralisieren". Inclusivity, Einschluß, lautet das neue Zauberwort. Jeder, ob jugendlicher Arbeitsloser, alleinstehende Mutter oder Langzeitarbeitslose, gehört dazu und soll die Chance erhalten, jene Fertigkeiten zu erlernen, die in der modernen Gesellschaft gefordert werden.

Die Ideale von Labour - Fairneß, Chancengleichheit, Fürsorge für Schwache - sollen Wirklichkeit werden, ohne dabei auf die überholten Rezepte des Keynesianismus zurückzugreifen.

Der erste Haushalt einer Labour-Regierung seit achtzehn Jahren vertieft den Bruch mit der eigenen Vergangenheit. Eine Politik der Verschuldung hat keine Chance mehr. Vorrang genießen Preisstabilität und solide Staatsfinanzen.

Binnen fünf Jahren soll das Haushaltsdefizit auf null gebracht werden. "Wenn ein Land keine Schwierigkeiten hat, die Maastricht-Kriterien zu erfüllen, dann wir", verkündete Schatzkanzler Gordon Brown leicht süffisant vor dem Unterhaus. Er wird wegen seines Budgets fast einhellig gelobt. Der Haushalt ist ein kleines Meisterwerk. Brown hat Steuern erhöht, ohne die Einkommensteuerstruktur anzutasten. Er zauberte mehr Geld für Erziehung und Gesundheit hervor, zugleich senkte er die Neuverschuldung, und vor allem gelang es ihm, gesellschaftspolitische Prioritäten erkennen zu lassen - nämlich die Reform des Wohlfahrtsstaates und den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit.