MADRID. - Es gibt gute Gründe dafür, daß der ukrainische Präsident Leonid Kutschma in dieser Woche in Madrid war und der russische Präsident Jelzin nicht. Kutschma mag die Nato, Jelzin mag sie nicht. Kutschma glaubt, die Nato-Erweiterung werde die ukrainische Sicherheit erhöhen. Jelzin glaubt, sie werde die russische Sicherheit schwächen. Darüber hinaus enthält die "Charta über eine ausgeprägte Partnerschaft", die die Ukraine in dieser Woche mit der Allianz beschloß, eine deutliche Aussage über wahrnehmbare gemeinsame Interessen. Die zwischen der Nato und Rußland ausgehandelte Grundakte hingegen, die vor einem Monat unterzeichnet wurde, gleicht einer Beruhigungspille für eine ehemalige Supermacht, der ihre ehemaligen Klienten weglaufen, um dem westlichen Sicherheitsclub beizutreten.

Der stellvertretende Außenminister der Ukraine hat erst Ende des vergangenen Monats erneut darauf hingewiesen, daß sein Land dem westlichen Bündnis nur zu gerne beiträte, wenn die Nato bloß eine Einladung ausspräche. Bis dahin, so sagte er, betrachte die Ukraine ihre Vereinbarung mit dem westlichen Bündnis als "eine gesetzliche Grundlage für die praktische Integration der Ukraine in die Nato".

Ohne Zweifel ist die Ukraine das Land, das bereits spürbar von den Plänen der Nato-Erweiterung profitiert hat. Polen, Ungarn und die Tschechische Republik werden noch bis 1999 warten müssen, um Vollmitglieder der Nato zu werden und in den Genuß der Verteidigungsgarantien nach Artikel 5 (Beistandspflicht der Nato-Mitglieder) zu kommen. Sie fühlen sich allerdings vom geschwächten und halbdemokratischen Rußland im Moment auch nicht bedroht.

Die Ukraine hat sich jedoch durchaus bedroht gefühlt. Einmal, weil russische Nationalisten auch in diesem Jahr Anspruch auf die ukrainische Stadt Sewastopol erhoben, und zum anderen, weil Rußland seine Schwarzmeerflotte weiterhin ohne Zustimmung Kiews im Hafen der Stadt auf der Krim-Halbinsel stationierte.

Während nun die Nato-Erweiterung voranschreitet, schwindet die russische Bedrohung für die Ukraine. Statt auf die Ausweitung der Allianz mit Säbelrasseln gegenüber der Ukraine oder Weißrußland zu reagieren, wie es westliche Gegner der Erweiterung befürchteten, hat Jelzin klein beigegeben.

Nur wenige Tage nach seinem Einlenken und der Unterzeichnung der Grundakte mit der Nato flog der russische Präsident schließlich nach Kiew und erkannte die ukrainischen Grenzen an. Er konzedierte damit zum ersten Mal nach sechs Jahren der Existenz des Landes, daß die Ukraine wirklich unabhängig ist.

Jelzin akzeptierte auch Kiews Angebot über die Aufteilung der ehemaligen sowjetischen Schwarzmeerflotte. Rußland erkennt die ukrainische Souveränität über Sewastopol an, indem es auf der Grundlage eines Vertrages zwanzig Jahre lang Pacht für die Benutzung der dortigen Marinebasis bezahlt - und gleichzeitig die Stationierung der ukrainischen Flotte im Hafen von Sewastopol toleriert. Anfangs hatten die Russen dort vergleichbare Rechte angestrebt, wie sie die Briten während ihrer Herrschaft über Hongkong innehatten.