Was macht Europa zu Europa? Aus der entfernten Sicht der anderen Kulturen, also etwa aus dem Blickwinkel eines Chinesen mit konfuzianischen Wurzeln oder eines Japaners, Malaysiers, Inders oder auch mit den Augen eines Orientalen, eines Iraners oder Arabers, eines Afrikaners gesehen, schrumpfen die Gegensätze der Nationalitäten und Mentalitäten, der verschiedenen Konfessionen zu einem diffusen Begriff vom "Westen" zusammen. Was aber macht den Westen zum Westen?

Irgend etwas ist es. Aber was?

Europa ergibt aus der Fernsicht ein durchaus einheitliches Bild. Fragt man dagegen die Europäer selber, wird die reflexartige Antwort auf die Frage nach der Farbe Europas lauten: Europa hat keine einheitliche Farbe. Europa pflegt seine Unterschiedlichkeiten, ist sogar stolz darauf. Das ist die ganze Verzweiflung des naiven, aber leidenschaftlichen Verfechters der europäischen Einigung, der nach der einen und nur einen Identität sucht. Unser Identitätsstifter wäre mit dem Pensum, eine Farbe zu bestimmen, heillos überfordert. Das weiß jeder Aquarellist: Mischt man die vielen Farben zusammen, so entsteht ein schmutziges Grau. Die Angst vor dem Brüsseler Grau, vor dem Verlust der je eigenen Farbe, ist denn auch die Hauptquelle der neuen Kleinstnationalismen von Flamen, Wallonen und Basken, von Padaniern und Korsen.

Doch im Kontrast zu anderen Kulturen sehen wir die charakteristische Farbe dieses Erdteils, der sich schon auf der Landkarte weniger wie ein Kontinent, sondern eher wie ein Arrangement von Halbinseln und Inseln darstellt. Nicht: Grau.

Nein, es ist die Farbe "Bunt".

Bunt, das ist die Farbe Europas!

Nun gibt es bunte Landkarten, das gleichzeitige Nebeneinander von Ethnien, Kulturen und Religionen auch anderswo, zum Beispiel in Indonesien oder Sri Lanka. Doch bunt ist nicht gleich bunt. Das indonesische Nebeneinander von uralten Regenwaldkulturen, Islam, Buddhismus und Christentum ist die Quelle vielfältiger Konflikte und Kämpfe. Diese Buntheit ist eine problematische.