Schön, daß in Zeiten strenger Kunst-Kost, fernab vom documenta-Parcours, dort eliminierte Großkünstler der internationalen Szene wie selbstverständlich beweisen, daß Qualität auch in anderem als den Gesetzen des Zeitgeist- Marktes sichtbar wird. In der Bonner Bundeskunsthalle hat Sigmar Polke seinen Auftritt. Und in Düsseldorf Barnett Newman eine kleine, exquisite Ausstellung. In Köln-Kalk, einer Vorstadt mit industrieller Vergangenheit und braver Neubebauung, hat Jannis Kounellis seine Arbeiten der rauhen Ästhetik einer aufgelassenen Fabrikhalle ausgesetzt.

Kounellis' Raum- und Werkinszenierungen aus der Zeit der Arte povera sind längst Teil der neueren Kunstgeschichte in Photosequenzen dokumentiert und durch den Umgang mit bestimmten Materialien - wie Stahl, Holz, Kohle und Blei - weitergeführt. Manche Demonstration virtuosen Umgangs mit poveren Grundsubstanzen geriet in den vergangenen Jahren auch ziemlich glatt, in die Nähe von Bühnenbildern, denen vor lauter Raffinement das Stück abhanden gekommen war.

In Kalk ist das nicht so. Wer die Halle einmal gefunden hat - was angesichts eines einzigen Hinweisschildes weit und breit eher ein Zufall ist -, nimmt an etwas Erstaunlichem teil: dem raumgreifenden künstlerischen Eingriff in eine historische Umgebung, der den Ort so handgreiflich angeht, daß beide davon profitieren, das Gebäude wie das sich selbst zitierende Werk von Kounellis. Der hatte seine Aktionen ja einmal in der unbehausten Umgebung von Lagerschuppen zelebriert, bevor er den Weg in die Museen fand.

Offenbar braucht der Künstler die Herausforderung des von der Arbeitswelt abgekoppelten Schauplatzes und die Verlorenheit rüder Zweckarchitektur, die Funktionen nur noch ahnen läßt. Offenbar nutzt ihm die stumme Anwesenheit von Maschinenresten, alten Hinweisschildern, übriggebliebenen Wandbemalungen - all diese Zufallspoesie der objets trouvés -, um frei und offensiv mit dem Raum umzugehen.

80 Meter lang, 30 Meter breit, 15 Meter hoch ist die von zwei übereinanderliegenden Fensterbändern und grüngestrichenen Stahlstützen samt Emporen gegliederte Halle. Eine Industrie-Basilika, wie es sie an Rhein und Ruhr so viele gibt. Das Beste, was sich von Kounellis' großangelegter Arbeit sagen läßt, ist der überraschende Eindruck, daß hier gerade keine theatralische Überhöhung des Gegebenen stattfindet, sondern, in aller Stille, deren unheimliche und dramatisch wirkende Steigerung.

Kounellis baute weitere sieben Stützen in die Halle ein: stählerne, raumhohe Pfeiler mit dem aus dem Öuvre bekannten spiraligen Gewinde, deren Absurdität erst auf den zweiten Blick deutlich wird. Andere Stahlträger kreuzen sich in einem der Seitenschiffe wieder andere streben vom Boden zur Fensterfront oder bilden ein Gerüst, an dem ein mit unsichtbaren kantigen Objekten gefüllter Riesensack vertäut ist. Mit nutzlos gewordenen Werkzeugen und Maschinenteilen gefüllte Kästen lagern am Boden.

Kohlensäcke hängen herum. Mit Kohle gefüllte Behälter zitieren Materialvorlieben des Künstlers, so wie strenge Stahl- und Holzarbeiten sich als in die Gesamtkomposition hereingenommene ältere Objekte zu erkennen geben. Daß irgendwo ein alter Nähmaschinenaufsatz an einem Pfeiler baumelt, ist eigentlich unnötig in diesem Ensemble der Selbstverständlichkeiten. Daß Kounellis hingegen zwei vertikale Reihen der üblichen Verglasung in gelbe Scheiben austauschte, ist eine der minimalen Pointen, die der Halle zu animierter Existenz verhelfen.