Schuld war Michail. "Sie können mich Mike nennen, if you prefer", sagte er. Schuld war ich oder das, was mein Freund Karl "du und dein Russentick" nannte.

Ich saß mit Michail im halbdunklen Foyer eines Kinos, das kein Kino mehr war, sondern ein russisches Restaurant. Neben dem Restaurant lag ein showroom.

Michail war der Manager, er hatte Erfahrung in gastronomischen Angelegenheiten. In Odessa hatte er jahrelang das "Intourist"-Restaurant geleitet, jetzt war er siebzig, und als er vor ein paar Jahren nach New York kam, hatte er keineswegs vor, sich zur Ruhe zu setzen und wie die anderen Emigranten tagein, tagaus auf dem Riegelman Boardwalk von Brighton Beach zu promenieren oder auf einer Bank zu hocken und stundenlang auf den Atlantik zu starren, der unbeweglich dalag, grau und langweilig wie ein schmutziger Teppich.

Es war Vormittag, der showroom lag im Dunkeln, noch war hier nichts los. Es war der 9. Mai, "einer Deutschen muß ich wohl nicht erklären, was das für einen Russen bedeutet", sagte Michail. Heute abend würden 500, na mindestens 500, russische Veteranen nach Brighton Beach kommen, sie würden essen und trinken, sie würden ein wenig sentimental werden und dann fröhlich, und nach dem Dinner wäre showtime in Michails showroom. "Sie müssen einfach kommen", sagte Michail. Es klang sehr bestimmt. Es klang wie ein Befehl.

Ich war seit drei Tagen in New York, und seit zwei Tagen hatte ich von New York die Nase voll. Alles war teuer, alles war schlecht, und die Leute waren so unfreundlich wie die Leute zu Hause. Zweimal in zwei Tagen war ich in Lebensgefahr geraten. In einem Steakhaus hatte ich ein Steak bestellt, das Fleisch roch eigenartig, wollte man den Geruch definieren, könnte man sagen, es roch, als hätte man einen Gletschertoten aus dem Neolithikum aufgetaut und auf den Holzkohlengrill geworfen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit der Subway. Ein Schwarzer stieg ein, er war sehr groß und ziemlich breit, und der jahrelange Genuß von Kokain mußte ihm die größte Masse seines Hirns weggeraspelt haben. Er paradierte durch das Abteil, auf und ab, auf und ab, "hey folks", brüllte er, "Kokain, Kokain macht dich fertig, Mann". Er blieb stehen und wickelte seine Meterarme um die metallenen Haltestangen: "Das Problem ist nur, wenn du kein Koks nimmst, sieht die Welt anders aus. Sie sieht einfach beschissen aus. Jeder hat 'ne Menge fun, nur ich nicht. Hey folks, ich sag' euch was, das macht mich verdammt wütend."

Dann nahm er seine Haßparade wieder auf. Ich sah in die Gesichter der anderen Passagiere, sie saßen da, als machten sie einen Ausflug aus der Taubstummenanstalt, aber ihre Gesichter sagten: Schlag irgend jemanden. Aber bitte, bitte schlag nicht mich.