Wie ist das, wenn man öffentlich und dennoch hinterrücks zum Feind erklärt wird? Wenn man den eigenen Namen an der Wand von Kirchen entdeckt, die in Brand gesteckt wurden? Pastor Günter Harig scheint unberührt zu bleiben, will es jedenfalls sein, wenn er einen Satz wie diesen liest: "Harig, wir kriegen dich." Dennoch sagt er: "Der Satz packt irgendwie zu."

"Harig, wir kriegen dich": So stand es am letzten Junisonntag frühmorgens am Gemeindehaus von St. Augustinus in Lübeck. Ein paar Tage zuvor war sein Name, nebst Hakenkreuzen, an die Jacobikirche geschmiert worden. Als er zum ersten Mal auf diese Weise an den Pranger gestellt worden war, genau einen Monat vorher, an der rauchenden Ruine von St.Vicelin, da hatte Harig noch gesagt: "Ich selbst fühle mich nicht bedroht. Hoffentlich irre ich mich da nicht."

Es ist zu spüren, welcher Druck auf diesem Mann lastet. Da wird ein einzelner zur Zielscheibe gemacht, der für den Beschluß seines gesamten Kirchenvorstandes steht einer, der die Haltung seiner Kirche vertritt, und zwar nicht nur die Position der evangelischen, sondern auch der katholischen Kirche - wie sie vorige Woche in einem gemeinsamen Wort zu den Fremden im eigenen Land, vor allem auch zum Kirchenasyl formuliert wurde. Aber den einen wollen sie kriegen.

Jemand wird angeprangert, der doch nur einem Mitmenschen, samt Frau und Kindern, aus äußerster Bedrängnis helfen will - einem Mitmenschen, der freilich in den Augen der unerkannten Finsterlinge einen entscheidenden Fehler hat: Er ist Ausländer.

Am 16. Mai sollte dieser Algerier abgeschoben werden, unter besonders makabren Umständen. Denn zum ersten Mal wäre in diesem Fall eine Anordnung des Bonner Innenministeriums wirksam geworden, wonach algerische "Schüblinge" bereits auf dem deutschen Flughafen von der algerischen Polizei in Empfang genommen werden sollen. Begründung: Würden die Beamten des Bundesgrenzschutzes als "Flugbegleiter" eingesetzt, könnten sie - wegen der wenigen Flugverbindungen - nicht am selben Tag zurückkehren, müßten also in Algier übernachten. Und das sei viel zu gefährlich, natürlich nur für deutsche Beamte. "Das ist der einzige Punkt, an dem ich zynisch werden kann", kommentiert Günter Harig.

Jedenfalls beschließt der Kirchenvorstand von St. Marien in Lübeck, nicht einstimmig, aber mit großer Mehrheit, dieser Familie in einer gerade freistehenden Dienstwohnung Schutz zu gewähren. Die breitere Öffentlichkeit erfährt davon am 12. Mai. Einige Tage später gibt Harig zusammen mit einem weiteren Mitglied des Kirchenvorstandes der örtlichen Zeitung ein Interview, Photo inklusive. Wenige Tage später ist die erste Schrift an der Wand zu lesen.

Die anonymen Kriegserklärungen verdunkeln freilich, wie subtil Günter Harig in diesem fundamentalen Fall des Kirchenasyls argumentiert - und wie rücksichtsvoll die schleswig-holsteinische Regierung reagiert. Harig hat nämlich das Wort des Innenministers, die Polizei werde in keine Kirche und in keine kircheneigene Wohnung eindringen, um ein Kirchenasyl zu beenden. Und Harig sagt: "Ich will keinen rechtsfreien Raum für die Kirche." Er ist davon überzeugt, daß er mit einem solchen Akt des zivilen Ungehorsams nicht aus dem Rechtsstaat heraustritt. Zwischen Staat und Kirche herrscht also in Lübeck nicht jenes Freund-Feind-Verhältnis, das die anonymen Gegner beider Instanzen an die Kirchenwände schmieren. Nicht auszudenken, wie es erst aussähe, wenn Staat wie Kirche diesen Konflikt auf die Spitze trieben.