Der Schritt war längst überfällig: Endlich ist heraus, was der weltgrößte Rückversicherer, die Münchener Rück, mit seinen bislang unabhängig voneinander agierenden Erstversicherungsbeteiligungen vorhat. Aus Victoria/DAS und Hamburg-Mannheimer/DKV soll die Ergo Versicherungsgruppe AG, eine neue Holding mit Sitz in Düsseldorf, entstehen. Die langjährigen Spekulationen um eine Übernahme der Düsseldorfer Victoria durch einen ausländischen Konzern sind damit vom Tisch. Durch die Zusammenlegung wird die Münchener Rück auf einen Schlag Mehrheitsaktionär (55 bis 60 Prozent) des neuen Versicherungsriesen, der mit 21 Milliarden Mark Prämieneinnahmen pro Jahr im Inland als Nummer zwei näher an den Branchenführer Allianz (38 Milliarden Mark heimisches Prämienvolumen) heranreicht. Schon vorher war die Münchener Rück Großaktionär der Victoria (18,2 Prozent direkt, 5,3 Prozent indirekt) und hielt 80 Prozent am Grundkapital der Hamburg-Mannheimer beziehungsweise rund 60 Prozent an dem der DKV, Europas größtem privatem Krankenversicherer.

Der Entscheidungsdruck, seine Inlandstöchter neu zu ordnen, war zum Schluß für Münchener-Rück-Chef Hans-Jürgen Schinzler immer größer geworden: Die Kaufinteressenten für das Victoria-Paket aus dem In- und Ausland haben sich die Klinke in die Hand gegeben. Mit der Entscheidung, nicht zu verkaufen, hat Schinzler zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er kontrolliert künftig einen schlagkräftigen Erstversicherer als Ausgleich zum großschadenanfälligen Rückversicherungsgeschäft. Außerdem lassen sich drängende Probleme der Töchter im Verbund leichter in den Griff bekommen. Die vor allem im Lebensversicherungsgeschäft tätige Hamburg-Mannheimer war schon länger auf der Suche nach einem Partner im Sach- und Schadenversicherungsbereich, den sie nun mit der Victoria gefunden hat. Die Düsseldorfer wiederum gelten zwar als grundsolide, litten aber zunehmend unter Marktanteilsverlusten. Auch die zur Victoria gehörende DAS, Europas führender Schutzbriefversicherer, verbucht schrumpfende Umsatzzahlen. Die Kölner DKV mußte erst kürzlich die gesamte Power des Allianz-Vertriebs an die zweitgrößte deutsche Krankenversicherung, die Vereinigte, abgeben, nachdem die beiden Schwesterunternehmen Allianz und Münchener Rück die Krankenversicherer aus strategischen Gründen untereinander getauscht hatten.

Die Mega-Fusion wirft zudem Licht auf die Entwicklung der Branche. Größe ist im deregulierten EU-Binnenmarkt einer der Garanten zum Überleben geworden.

Kleine oder auf spezielle Marktsegmente ausgerichtete Unternehmen fühlen sich mehr und mehr bedroht. Der Zwang zum Zusammenschluß hat nicht nur nationale, sondern auch internationale Versicherungs- und Allfinanzkonzerne entstehen lassen. Beispiele sind die Aachener und Münchener/Volksfürsorge/Central-Gruppe, der inzwischen zur französischen Axa gehörende Colonia-Konzern, die DBV/Winterthur/Commerzbank-Gruppe und die Versicherungsgruppe der Deutschen Bank. Vor allem den Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit bleibt wegen ihrer besonderen Struktur kaum etwas anderes übrig, als sich wie Gothaer und Berlin-Kölnische unter einem Dach ("Parion") zusammenzufinden.

Zudem ist jetzt schon absehbar, daß die härtesten Konkurrenten der Versicherer um das Portemonnaie des Verbrauchers in den Vorstandsetagen der großen Banken sitzen. Für den Kunden kann diese Entwicklung nicht nur gut sein. Wettbewerb ist nur so lange nützlich, wie er wirklich funktioniert. Bei fortschreitender Konzentrierung sind hier jedoch Zweifel angebracht.