RIEDERING. - Knapp ein Jahr vor der geplanten Einführung des Euro offenbart sich eine eigenartige Lage. Viele europäische Politiker haben Angst, ihr Land könne vom Euro ausgeschlossen bleiben. Die meisten Europäer aber verbinden mit der Aussicht auf eine Teilnahme am Euro kaum Hoffnung.

Trotz jahrelanger Berieselung mit Euro-Propaganda stehen sie dem Vorhaben zum großen Teil zurückhaltend, mißtrauisch, wenn nicht ablehnend gegenüber (in Deutschland verbinden 21 Prozent mit dem Euro Hoffnung, 57 Prozent erwarten von ihm Nachteile).

Die Politik der europäischen Einigung aber kann nur Erfolg haben, wenn sie von der Hoffnung der Europäer getragen wird. Jahrzehntelang richteten sich die Erwartungen darauf, daß durch europäische Gemeinsamkeit verstärkte Sicherheit gegenüber der Bedrohung aus dem Osten und verbesserter Wohlstand für alle zu erreichen seien. Seit dem Ende des Kalten Krieges richtet sich die Hoffnung der Europäer ausschließlich auf gesicherten und gesteigerten Wohlstand.

Der Euro provoziert bei den Europäern immer noch zu viele Fragen. Etwa die, warum die gemeinsame Währung gerade jetzt und unter Zeitdruck so rigoros eingeführt werden muß. Oder die, wie die Liquidierung der nationalen Währungshoheiten zugunsten einer europäischen Währungshoheit funktionieren soll, wenn gleichzeitig alle diejenigen Gegebenheiten, die gemeinhin eine Währung tragen - wie etwa die Wirtschafts-, die Sozial-, die Steuer-, die Industriepolitik -, in nationaler Verantwortung verbleiben. Oder, letztes Beispiel, die Frage, auf welche Weise der Euro letztlich gehütet werden soll, wenn Deutschland unverändert für und Frankreich unverändert gegen "l'idée Bundesbank" ist.

Vor gut vier Jahrzehnten (1952 bis 1954) hatten die damals sechs EWG-Staaten schon einmal versucht, mit der Liquidierung eines der drei sogenannten "harten" Teile nationaler Souveränität - der Währungs-, der außenpolitischen und der militärischen Hoheit - den großen Sprung in eine radikale Europäisierung zu wagen. Sie wollten ihre nationalen militärischen Hoheiten in einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) europäisieren. Das Projekt scheiterte, und es folgte die bis heute schwerste Krise der Europapolitik.

Es ist faszinierend, aber auch beunruhigend, zu sehen, wie die Endphase des damaligen Unternehmens und die derzeitige Endphase bis zur Einführung des Euro einander bis in Einzelheiten hinein gleichen. Etwa hinsichtlich nicht überbrückter Meinungsverschiedenheiten über den künftigen Umgang - damals mit der EVG und heute mit dem Euro. Oder hinsichtlich der Augenzu-und-durch-Politik des damaligen Bundeskanzlers für die EVG und des heutigen Kanzlers für den Euro. Freilich besteht ein wesentlicher Unterschied: Die EVG konnte nicht beginnen, weil sie schon im Vorfeld scheiterte der Euro wird voraussichtlich termingerecht kommen, und die Frage von Erfolg oder Scheitern wird sich erst anschliessend stellen.

Die Einführung des historisch beispiellosen und in jeder Hinsicht experimentellen Euro wird zwangsläufig den Charakter einer europapolitischen Kreditaufnahme haben. Klappt alles, dann bringt die gemeinsame Währung den Europäern Hoffnung auf mehr Wohlstand, und alles ist gut. Nach aller europapolitischen Erfahrung und nach der Entstehungsgeschichte und der Konstruktion des Euro ist allerdings wahrscheinlicher, daß Schwierigkeiten auftreten. Treffen aber die von den Politikern prophezeiten Vorteile nicht zügig ein, dann werden die Europäer dem Unternehmen Euro sehr schnell den europapolitischen Kredit entziehen. Sie werden Schutz vor ihm und Hilfe für ihren Wohlstand in ihrer nationalen Politik suchen. Sie werden Unterstützung bei den Politikern finden, die in ihren Ländern wiedergewählt werden wollen und die sich daher voraussichtlich ebenso zu Befürwortern der Renationalisierung machen werden, wie sie zuvor als Werber für die gemeinsame Währung auftraten.