Genau eineinhalb Jahre bleiben Thomas Middelhoff, um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten. Im Herbst 1998 wird er Mark Wössner an der Spitze des Gütersloher Mediengiganten Bertelsmann ablösen. "Er war einmal einer unserer jungen Leute", so präsentierte Vorstandschef Wössner jetzt seinen designierten Nachfolger. Doch wenn Middelhoff im Oktober kommenden Jahres den Chefsessel besetzt, ist er immer noch jung: gerade 45 Jahre alt. Middelhoff, so Wössner, bedeute für Bertelsmann "den großen Generationssprung, verbunden mit Kontinuität".

Für den promovierten Betriebswirt wird dann eine überaus rasante Karriere ihren Höhepunkt erreicht haben. Sie führte ihn seit Ende 1986 vom Assistenten der Geschäftsführung bei Mohndruck über dessen Geschäftsführung bereits 1994 in den Bertelsmann-Vorstand. Dort ist er für die zentrale Unternehmensentwicklung wie für den Aufbau der Multimediageschäfte zuständig.

Die "Vision", die Wössner seinem jungen Mann mit auf den Weg gibt, ist vage genug, um dem künftigen Chef genügend Spielraum zu lassen: Bertelsmann solle in fünfzehn Jahren ein "globales Unternehmen erster Reputation" und in "den wesentlichen Mediengattungen vertreten" sein. Was einmal "die großen Taten von Bertelsmann sein werden", das jedenfalls wußte Wössner nicht zu sagen.

Daß aber das Multimediageschäft, das Thomas Middelhoff aufgebaut hat, in eineinhalb Jahren bereits einen Umsatz von zwei Milliarden und einen Gewinn von hundert Millionen Mark erzielen werde, hat selbst Wössner überrascht.

Das Lob seines Mentors (Wössner: "ein außergewöhnlich begabter, kreativer, tatkräftiger Unternehmer") nimmt Middelhoff vorerst lächelnd entgegen. Die Vorlage, die ihm Wössner lieferte, der seit 1983 an der Spitze von Bertelsmann steht und nächstes Jahr einer Bertelsmann-Regel zufolge mit sechzig Jahren aus dem Vorstand ausscheiden muß, ist beeindruckend: Seit dem Geschäftsjahr 1990/1991 ist der Konzernumsatz von 14,5 Milliarden auf knapp 21 Milliarden Mark geklettert, die Zahl der Mitarbeiter stieg weltweit von knapp 21 000 auf fast 58 000. Und aus dem Unternehmen, das mit Buchverlagen, Bücherclubs, dem Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr und Druckereien groß wurde, ist längst ein Entertainmentkonzern geworden. Inzwischen gehört auch Europas größtes TV-Unternehmen CLT/Ufa in Luxemburg samt TV-Sender RTL in seinen Einflußbereich.

Der selbstbewußte Middelhoff wird vor dieser Leistung nicht in Ehrfurcht erstarren. Er gehörte immerhin zu den Vorstandsmitgliedern, die die jüngste Einigung zwischen Bertelsmann und dem Münchner Filmhändler Leo Kirch auf ein gemeinsames Vorgehen auf dem Gebiet des digitalen Fernsehens so schnell nicht befürwortet haben - er hätte lieber gewartet, bis Kirchs Position noch kritischer werden würde. Kirch hatte sich überaus teuer und riskant beim Digital-TV engagiert. Unter Middelhoff wird Bertelsmann weiter seiner Tradition, der Kontinuität ebenso wie der gesellschaftlichen Verantwortung verhaftet bleiben. Doch die Unternehmenspolitik wird, so darf vermutet werden, ein wenig temporeicher - und aggressiver.