Ruperts Aufgabe ist heikel. Er verwaltet den Terminkalender seines Meisters. Aber sein Meister ist zugleich überorganisiert und chronisch unpünktlich. Unentwegt muß Rupert wartende Klienten vertrösten. Wer um zwölf mit dem Meister verabredet ist, hört um halb eins, daß es nicht mehr lange dauern kann, und um eins, der Meister sei bereits im Bade und telephoniere mit seinem Agenten in New York. Beides brauche seine Zeit. Rupert bringt ein perfektes Lächeln zustande: Es bittet um wohlwollende Geduld und Nachsicht mit der weltbekannten Schwäche seines Meisters, ohne auf dessen Kosten vertraulich zu werden. Als der Meister um Viertel nach eins erscheint, rosig geschrubbt und noch feucht hinter den Ohren, zieht Rupert sich diskret zurück, mit seinem digital diary.

Wenn der Meister seinen eigenwilligen Umgang mit Zeit erläutern soll, bemüht er zum Vergleich den Raum. Wie ein Architekt, der einen Appartement-Block entwerfe, einen Masterplan brauche, um dann die Einzelappartements flexibel einzupassen, verfüge er, Robert Wilson, über eine Megastruktur, um den Gesamtzeitraster seiner vielfältigen Tätigkeiten zu organisieren. Die Terminblöcke sind fixiert. Fest stehen beispielsweise innerhalb von zwei Wochen sechs Tage Amsterdam ("Hamlet" beim Holland Festival) mit einem Ein-Tages-Abstecher nach Florenz (Vortrag), zwei Tage London (Performance beim Meltdown Festival), ein Tag Zürich (Vortrag) und zwei Tage München ("Persephone" beim Tollwood Festival). Aber die Einzeltage lassen sich flexibel füllen.

Für seine Soloperformance "Hamlet - Ein Monolog" etwa steht Wilson drei Abende nacheinander auf der Bühne der Amsterdamer Oper. Die Tage füllt er spontan - mit Trips nach Südholland und nach Antwerpen, um Kollektionen indonesischer Kunst anzusehen, oder mit Zuspätkommen.

Das Premieren-Publikum hat er drei Viertelstunden auf den verspäteten Beginn seines "Hamlet" warten lassen, und kein Rupert weit und breit, um entschuldigend zu lächeln. Zum Zeitvertreib gab es Wilson-Videos und Wilson-Zeichnungen im Foyer zu besichtigen. Erstere waren verwackelt und flackerten amateurhaft letztere waren schlecht klischiert und zogen Blasen. Die verlangsamte Zeit fördert das genaue Hinsehen - das haben wir von Wilson gelernt.

Bob Wilson gilt als der Entdecker der Langsamkeit auf dem Theater, als der Mystiker der Zeitlupe, aber er produziert seine Slow-motion-Werke in zunehmendem Tempo. Weltweit generiert er seine Verlangsamungskunstwerke in wachsender Beschleunigung. Adagio-Kunst, molto allegro e agitato.

Meditation als Meterware. Edle Leere, made by Wilson, als begehrter Markenartikel für Musik- und Sprechtheater von avanciertem Kunstgeschmack.

Bob Wilson gilt auch als Perfektionist. Seine Bühnenwerke sind höchst zeitempfindlich. Präzises Timing ist sein Dogma. Lichtwechsel erfolgen auf die Sekunde genau, Hunderte Lichtstimmungen sind in exakten Abläufen computerisiert, der Gesten- und Schreitkanon seiner Bühnenfiguren ist akkurat choreographiert und mit der Licht- und Klangpartitur akribisch abgestimmt. Die geringste Unpünktlichkeit würde seine Bühnenwelten zum Einsturz bringen.