Spielen Viren bei der Entstehung seelischer Erkrankungen eine Rolle? Das legt jetzt eine Studie der internationalen Gruppe um Mirella Salvatore an der University of California in Irvine nahe. Die Forscher suchten in Gehirnproben von 75 Toten nach dem Erbmaterial sogenannter Bornaviren (Lancet, Bd. 349, S.

1813). Sie wurden bei neun von siebzehn Schizophrenie-Patienten fündig und bei zwei von fünf manisch-depressiven Patienten. In den anderen Gehirnproben - sie stammen von Alzheimer-, Parkinson- und Multiple Sklerose-Patienten sowie von Kontrollpersonen ohne seelische Störungen - entdeckten sie hingegen kein Erbgut der Bornaviren.

Die erstmals in der sächsischen Stadt Borna entdeckten Viren sind seit längerem als Erreger von Seuchen etwa bei Schafen und Pferden bekannt, bei denen sie Verhaltensstörungen auszulösen scheinen. Daß die Viren auch den Menschen befallen können, glaubt eine Gruppe um Liv Bode am Berliner Robert-Koch-Institut und an der FU Berlin bereits vor einem Jahr beobachtet zu haben. Die Forscher hatten aus Blutzellen von drei Patienten mit akuten Depressionen Bornaviren isoliert und in Zellkulturen vermehrt. Als sie die Erreger ins Gehirn von Ratten injizierten, bewirkten sie bei den Tieren vorübergehende Verhaltensänderungen.

Anschließend behandelte die Berliner Gruppe gemeinsam mit Psychiatern der Medizinischen Hochschule in Hannover eine 67jährige Patientin, die seit elf Jahren an Depressionen gelitten hatte, mit dem Medikament Amantadin. Das seit dreißig Jahren bekannte Mittel wurde ursprünglich gegen Grippeviren sowie Parkinson-Symptome eingesetzt und führte bei der Patientin zu einem überraschenden Erfolg: Die Bornaviren waren nach einigen Wochen nicht mehr in den Blutzellen der 67jährigen nachzuweisen. Und bereits zwei Wochen nach Beginn der Behandlung besserte sich ihr Zustand, so daß sie aus der stationären Behandlung entlassen werden konnte. Ebenso erfolgreich sei jetzt die Behandlung einer 30jährigen Patientin verlaufen, berichtet Liv Bode.

Allerdings bleiben viele Virologen skeptisch. Beispielsweise sei noch nicht geklärt, ob die Berliner Forscher menschliche oder tierische Bornaviren bei den Patienten isoliert haben. Zwar haben dreißig Prozent der seelisch Kranken Antikörper gegen Bornaviren im Blut (fünf Prozent der gesunden Menschen), doch bisher konnte der Erreger noch nicht direkt nachgewiesen werden.

Auch im Gehirngewebe der Schizophrenie-Patienten hat die Gruppe um Mirella Salvatore lediglich Spuren des Erbmaterials nachweisen können. Der an der Studie beteiligte Virologe Volker ter Meulen von der Universität Würzburg warnt daher, die Entstehung von Schizophrenie und anderen Geisteskrankheiten monokausal mit Bornaviren in Verbindung zu bringen. "Die Hypothesen überschlagen sich," sagt er. Entscheidend aber sei der experimentelle Beweis - und der stehe noch aus.