Was ist ein Unterhaltungsroman? Als sicherste pragmatische Definition bietet sich an: Er darf, ja er muß rasch heruntergelesen werden und ist am Ende dann auch wahrhaft ausgelesen. Auf eine zweite Lektüre wartet er nicht und hielte die auch gar nicht aus. Zu schnell laufen die Sätze, zu abgekartet ist das Spiel. Fast food, sagen die Verächter des Genres und meinen auch, daß so rasch Geschriebenes und Verdautes kaum eine kritische Auseinandersetzung lohne. Sowenig wie Broiler, Chinanudeln oder argentinische Steaks.

Doch derart simpel und klar umrissen präsentiert sich die leichte Gattung in unseren postmodernen Zeiten längst nicht mehr. Seit Süßkind und Eco weiß niemand so recht, ob literarisch die E- zur U-Kultur herüberschielt oder umgekehrt. Zwischen belletristischer Beletage und dem Parterre, treppauf, treppab, wird so viel geschmuggelt, daß alle sichere Orientierung für oben und unten verlorengegangen scheint.

Entsprechend verunsichert, ja schwindelig beginnt man diesen Debütroman einer walisischen Universitätsdozentin zu lesen. Obwohl auf den ersten Blick doch alles klipp und klar wirkt: flach und eilig fließt die Sprache durch die Sätze, mit wenigen Strichen werden die Figuren umrissen, das Milieu ist aus englischen Universitätsromanen nur allzu geläufig. In Cambridge also brütet der Ich-Erzähler, ein träumend weicher Junge, über seiner Dissertation, genau wie seine unnahbar scharfe Freundin, die er mehr ergeben fürchtet als liebt. Sie schreibt über Schiller (und der hat dabei "keine Chance", meint der Freund), er dagegen sinnt über einen schon verstummten, legendären französischen Autor, Paul Michel, eine postexistentialistische Mischung offenbar aus Paul Vian und James Dean, Pasolini und Genet. Auch der Vater des scharfen Mädchens ist übrigens schwul, wie dieser Paul Michel, wie Foucault, dessen Idol.

Das ist ja thematisch eine ganz schöne Wucht, aber der Ton, die Machart bleiben zunächst vorwiegend leicht, harmlos. Wir sollen offenbar unterhalten, wir sollen nicht aufgehalten und verstört werden. Zunächst. Dreht sich dann allmählich der Roman, oder sind wir ihm zu schnell, zu blind auf den flotten Leim gegangen? Jedenfalls verdichtet sich um diesen Paul Michel, zunächst nichts weiter als ein harter Dissertationsgegenstand, eine Aura von Andacht, die feierliche Ausstrahlung von menschlich kühner und künstlerisch genialer Größe in fader, feiger Zeit.

Und zugleich verdichtet sich der Verdacht, daß die Schiller beackernde Germanistin - scheinbar nur die Karikatur eines kalt besessenen Blaustrumpfs - eine magische Hexe sein könnte. Und mitten im magischen Strahlungszentrum zwischen Michel und Germanistin, wie die Spinne im Netz, ist unser lieber Junge und Doktorand postiert, der fiktive Verfasser und zugleich das Opfer dieser so schlicht anlaufenden und doch ehrgeizig getüftelten Geschichte.

In der Falle sitzt nun auch der Leser. Soweit er nicht Patricia Duncker einfach folgt durch dick und dünn, sobald er über diesen hochzielenden und über lange Passagen so entwaffnend sorglos dahingeschriebenen Roman nachdenkt, gerät er immer wieder ins Zweifeln, ob er ihn nun über- oder unterschätzt.

Der Erzähler also läßt sich - von seiner Germanistin und von Patricia Duncker - hinüber nach Frankreich schicken, auf die Suche nach Paul Michel, erst in Paris, dann in Clermont-Ferrand, wo er den pschychiatrisch Inhaftierten, den gemeingefährlichen echten und dann wieder tückisch simulierenden Schizophrenen auch aufspürt.