Den richtigen Moment darf man nicht verpassen. Hans-Dieter Franke von der Biologischen Anstalt auf Helgoland schaut alle dreißig Minuten durch das Mikroskop auf seine kleinen Krebse. Auf veränderte Umwelteinflüsse wie Licht und den Spiegel der Gezeiten reagieren sie "hochsensibel" mit entsprechender Häutungshäufigkeit. Was die menschlichen Bewohner der roten Felseninsel anbelangt, so werden ihnen alle Schrullen nachgesagt, wie sie für Inselbewohner typisch sind. Wozu auch gehört, daß sie Veränderungen skeptisch und abwehrend gegenüberstehen.

Gemecker über Helgoland. Mina Borchert, fünfundachtzig, Kapitänswitwe und Bewohnerin des Hauses Claudine kurz vor dem Leuchtturm, hat genug davon. Ganz gleich, ob das Gemoser von Touristen, von den Medien oder gar von den Helgoländern selbst kommt. Angeödet von den eintönigen Wintern, träumen letztere laut davon, aufs Festland zu ziehen, dorthin, wo ihre Kinder schon lange wohnen. "Wem es nicht gefällt, der kann gehen", befindet die alte Dame.

Statt die Nachteile von Helgoland zu erörtern, redet sie lieber über die Schönheit und Einzigartigkeit der Insel, und aus ihr spricht eine so unbeirrbare Heimatliebe, die nur Unwissende mit Sturheit verwechseln könnten.

Was hat man nicht alles erzählt über die Helgoländer. Regiert würden sie von Räten, die nichts anderes seien als "egoistische, nur auf ihren Vorteil bedachte, ungebildete, faule Fischer-Dickköpfe", und "ungeschickt" fänden sie es, "daß die Schnepfen nicht gebraten bei ihnen ankommen".

Alles Unterstellungen! "Wie hätte Helgoland überleben können, wären seine Bewohner faul gewesen? Wer weiß schon, wie schwer es ist, ein Boot zu rudern?" Gewiß sei Langsamkeit ein Markenzeichen der Inselbewohner, aber warum sollte man hier auch in Hektik verfallen? Ihre Stärke sei das Bejahen, die Fähigkeit, positiven und negativen Situationen mit Optimismus zu begegnen: "Sonst geht es hier nicht."

Als Mina Borchert jung war, in den zwanziger und dreißiger Jahren, machten Angehörige des Adels, Maler und Vertreter der Hochfinanz im Gästehaus ihrer Eltern Urlaub. Die Insel war ein etablierter Badeort mit damals schon hundertjähriger Tradition, wo sich das Publikum abends im Conversationshaus bei Musik und Tanz verlustierte.

Gäste von dieser Sorte hätte die Kurdirektion heute gerne wieder. Denn der Ruf von Helgoland ist, dank Butterfahrten und infrastrukturellen Versäumnissen, seit Jahren ruiniert. Die Gemeinde drückt ein Schuldenberg von 23 Millionen Mark.