Nach der Lektüre bestimmter Bücher beginnt der Rezensent scharf nachzudenken. Kann es sein, daß er eine Satire nicht erkannt hat? Ist er einem schlechten, aber gut verpackten Scherz aufgesessen? Besitzt das Buch einen tieferen Sinn, der ihm entgangen ist, den er nicht verstanden hat? Oder ist es wirklich so abgrundtief dumm und überflüssig, wie er vermutet?

Bei dem Titel "Die Eroberung der Hoffnung" hat er sich für die letzte Vermutung entschieden. Die "Tagebücher aus der kubanischen Guerilla Dezember 1956 bis Februar 1957" - der Titel wirbt mit den Autoren Che Guevara und Raul Castro - sind ein Ärgernis, eine peinliche und abstoßende Heldenverehrung und eine Irreführung des Käufers. Und das nicht nur, weil die Tagebuchauszüge nur den kleineren Teil des Inhalts ausmachen. Der Inhalt geht gegen Null. Es mag ja sein, daß Fidel-Verehrer über jede Minute seiner früheren Kampfgefährten informiert sein möchten. Aber der kritische Leser fragt sich immer gereizter, was das alles soll. Da hat jemand Durchfall, hat schlecht geschlafen, ist nachts vom Regen eingeweicht worden. Die Vorräte gehen zu Ende, Nachschub kommt endlich, einmal Bohnen und Mais. Man ißt und trinkt, jede Mahlzeit, jedes Getränk genau vermerkt, zieht weiter, hat Hunger, schläft schlecht, die Vorräte gehen zu Ende, Nachschub wird gebracht, nachts regnet es ... und das über Seiten. Die Eroberung der Hoffnung reduziert sich auf die Frage, wann's wieder was zu essen gibt.

Und das ewige, langweilende Einerlei wird in einer überaus verräterischen Sprache erzählt. Drei Soldaten werden aus dem Hinterhalt erschossen - das ist ein Gefecht, das die überlegene Guerillataktik belegt. Ein großer Sieg! Ein Trupp von fünfzehn, zwanzig Mann verfügt natürlich über einen Generalstab.

Morgens stehen die Männer nicht auf, sondern erheben sich, sie gehen nicht irgendwohin, sondern begeben sich, sie halten sich nicht auf,sondern weilen - ach ja, einer aus dem Verlag hätte der kubanischen Übersetzerorganisation stecken dürfen, daß Sprache verräterisch sein kann. Früher nannte man so ein Machwerk eine billige Propagandaschrift.

Aber es geht ja um die Eroberung der Hoffnung, und wenn sich die Kämpfer wieder einmal in einem Maisfeld verstecken, erfüllt sich damit das Grundanliegen ihres Einsatzes, sie erfüllen die Souveränität des Volkes mit Leben. Ihr Hunger weiht sie zu höheren Aufgaben, die Freiheit wird mit Durst erkauft.

Es gibt eine lateinische Rhetorik, an die man sich gewöhnen muß. Große Worte sind wohlfeil, und im Fluß der Rede stören Tatsachen. Der Glaube überwindet den Zweifel, und schließlich kann man sich ja auch an Worten berauschen.

Fidel hat es darin zu einer Meisterschaft gebracht, und wenn seine Anhänger glauben, die Insel steuere seit 1994 trotz der Furie der nordamerikanischen Aggression mit frischem Rückenwind einem neuen Sozialismus entgegen, so ist das ihre Sache und Verblendung. Die Welt als Wille und Vorstellung.