Es ist ungerecht, von Hannover zu sagen, es gehöre zu den Städten, bei deren Anblick auch den produktivsten Köpfen alles entfalle. Sie ist ein bißchen grau, die niedersächsische Metropole (falls diese Begriffsverknüpfung erlaubt ist). Sie nimmt sich, obschon fast brandneu, eher ältlich aus, als stiefle noch immer Exzellenz von Hindenburg mit schlohweißem Schnauzbart und Pensionshund durch ihre Straßen. Die Stadt scheint sich selber zu groß zu sein, und manchmal ist es, als schlottere sie um die eigenen Glieder.

In Wirklichkeit wird alles noch größer: Denn in Hannover findet alsbald die Zukunft statt, und das in verschiedener Hinsicht. Die Expo, von der keiner so recht weiß, warum sie stattfinden muß (aber das läßt sich von manchen historischen Ereignissen sagen), wird vorbereitet. Und zuvor wird, wenn nicht vieles trügt, der erste der Niedersachsen auf den Schild der Kanzlerkandidatur gehoben. Zwar wirkt der blaßrote Welfenherzog aus der Ferne nicht wie einer, der vor natürlicher Lebensfreude birst, sondern manchmal wie ein Theaterdirektor, dem die Steuerprüfung ins Haus steht. Oder wie ein heimlicher Säuerling, der sich verpflichtet fühlt, immerzu gute Laune zu demonstrieren. Oder wie einer, der sich im verborgenen vor der eigenen Courage fürchtet.

Indes, die tiefen Rinnen zwischen Nase und Kinn mögen täuschen. Vielleicht ist er ein politischer Lustmensch, der zwar in französischer Küche und den großen burgundischen Lagen nicht ganz so bewandert sein mag wie der Konkurrent von der Saar, doch die Verantwortung leichter schultert als sein Parteichef, dem man einst nachmaulte, daß er ein halbwelscher Luftikus sei.

Der Saarländer ist, man muß es einräumen, seit geraumer Zeit von einer Art staatsmännischer Aura umsäumt. Hinter der Stirn leuchten still die sekundären Tugenden, die er im Dienst von Partei und Vaterland verinnerlicht hat. Wir spüren, daß er nicht länger bereit wäre, seinen Gegner mit einem Trommelfeuer rhetorischer Platzpatronen von der Rampe zu jagen, wie es dem braven Scharping widerfuhr. Noch virtueller Kandidat, doch nicht länger Kannibale, der die Gegner verschlingt. Er könnte um der Sache willen verzichten.

Damit sollte er nicht voreilig sein. Vielmehr empfehlen wir, daß er den Hannoveraner zu einer Flasche Nuits-Saint-Georges bittet, um ihm nach dem dritten Glas den Schwur auf den Euro (zum vorgesehenen Termin) abzufordern: Dann, aber nur dann lasse er über die Kandidatur mit sich reden. So könnten sich Prinzipientreue und der wache Sinn fürs Opportune am Ende glücklich vereinen. Anderenfalls wäre es nicht undenkbar, Hannover für eine Weile links oder rechts oder in der Mitte liegen zu lassen - es sind in Niedersachsen Landtagswahlen zu absolvieren! -, um ein Auge auf Kiel zu werfen, das Hannover an solider Drögheit gewachsen, ja überlegen sein könnte. Womöglich wäre die dortselbst regierende Dame geeignet, die deutsche Thatcher von links zu werden?

Im schönen Straßburg aber residiert der erfolgreichste deutsche Sozialdemokrat dieses Jahrzehnts: Klaus Hänsch, der dem Europäischen Parlament in den Jahren seiner Präsidentschaft ein Ansehen verschaffte, das es zuvor niemals gekannt hat. Dieser unaufwendige Bürger hat überdies der Bundesrepublik wegen ihrer penetranten Schulmeisterei in Sachen Europa den Marsch geblasen wie vor ihm keiner. Er wies nach, daß die ostdeutsche Industrie mit einer zehnmal höheren Quote subventioniert wird, als es den Durchschnittswerten der Union entspricht, und daß wir Deutschen die Eurokraten durch nationale Regulierungswut weit in den Schatten stellen.

Kurz: Er hält es mit der Wahrheit. Er pumpt sich nicht auf. Er kennt sich aus in der Welt. Er spricht Sprachen, wohl auch das bessere Deutsch, obschon er nicht in Hannover zu Hause ist.