Paris Was fällt einem jungen Mitglied der französischen Neogaullisten als erstes ein, wenn er seine Partei beobachtet? Die Sowjetunion. Der Apparat des Rassemblement pour la République (RPR) verhalte sich geradezu "stalinistisch", sagt Stéphane aus Rouen, ein junger Sympathisant von Philippe Séguin. Stephane war zum außerordentlichen Parteitag des RPR nach Paris gekommen, um bei der Wahl von Séguin zum neuen Parteivorsitzenden dabeizusein.

Paradoxerweise geriet die Veranstaltung, mit der die Wahlniederlage vom 1. Juni und die Zerfleischungstendenzen der folgenden Wochen besiegelt werden sollten, vor allem zu einer triumphalen Abschiedsveranstaltung für den bisherigen Parteivorsitzenden Alain Juppé. Er war der Hauptbetreiber jener vorzeitigen Parlamentsauflösung gewesen, die den RPR und seinen liberalbürgerlichen Bündnispartner UDF in ihre schwere Lage hineinmanövriert hat. Der Parteiapparat, der aus dem RPR eine Wahlmaschine für Chirac gemacht hat, ist Juppés Werk. Dieser Apparat ist auf ihn eingestellt. Die Ovationen, die Juppé zum Abschied erntete, verraten wenig über die derzeitige Verfassung der neogaullistischen Wählerschaft. Sie lassen aber ahnen, welche Schwierigkeiten der neue Vorsitzende mit den Gliederungen des RPR haben wird.

Unter diesen Umständen kann Philippe Séguin nicht "Nachfolger" sein. Er übernimmt ein Etikett und zwei heikle Aufgaben: Der RPR muß im Herbst durch einen Strom von Prozessen wegen krummer Parteifinanzierung bugsiert werden.

Außerdem gilt es, das neogaullistische Anhängerpotential wieder zu formieren und möglichst bald klarzustellen, welche Positionen der RPR vertritt im kommenden Jahr sind Regionalwahlen angesetzt. Wie wird der RPR zum Front National stehen? In seiner Antrittsrede hat der neue Parteichef Allianzen mit dieser rechtsradikalen Partei ausgeschlossen, gleichzeitig aber eine ungewöhnlich herzliche Sympathie für ihre Wähler bekundet. Wird Séguin die Gründung einer großen konservativen Partei nach dem Muster der CDU anstreben - die Zusammenführung von RPR, UDF und salonfähigen Teilen des Front - kann ihm das überhaupt gelingen?

In der Europapolitik hat Philippe Séguin, der 1991 der profilierteste Gegner der Währungsunion war, schon vor einiger Zeit eine Wende zu resignierter Zustimmung vollzogen. Die Bekehrung wird auch innerhalb des RPR nicht von allen ernst genommen. Gewiß wird Séguin in keiner Sache mit derselben Treue zum Parteigründer Chirac stehen wie Juppé. Die Position des Staatspräsidenten Chirac wird dadurch weiter geschwächt, auch wenn er noch immer über einflußreiche Fürsprecher wie Bernard Pons oder Jean-Louis Debré verfügt.

Philippe Séguin hat keinen Anlaß, sich als Chiraquist zu definieren.

Schließlich hat er seine politische Karriere vor allem seinem eigenen Talent zu verdanken. Er wirkt warmherzig und stark, verständig und volksnah, ohne aufdringlich zu sein. Bekannt ist sein cholerisches Temperament - ein anderes Naturell.