Die Bundeswehr hat den Ernstfall, mit dem sie bei einem Wiederaufflammen des Bürgerkrieges auf dem Balkan konfrontiert sein könnte, in den rund vierzig Jahren ihres Bestehens nie geprobt. Der Ernstfall, das war für sie - wie für die ganze westliche Allianz - ein militärischer Überfall der Sowjetunion auf Westeuropa. Dagegen sollten, wenn ein nuklearer Erstschlag nicht half, notfalls konventionelle Abwehrschlachten geschlagen werden: mit Artillerie, Panzern und aufgesessener Infanterie unter einem wirksamen Luftschirm von Jagd- und Kampfflugzeugen. Der Feind sollte an den westlichen Grenzen seiner Macht gestoppt und schließlich zermürbt werden.

Für die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges war dies ihre letzte, vergebliche Hoffnung. Für die Soldaten der Bundeswehr ist es wie für ihre Führer bis zum Generalsrang immer ein Abstraktum geblieben: Sie konnten auf der Landkarte das Fulda-Gap schließen, mit Pontons über die Weser setzen und über Sardinien simulierte Migs abschießen. Aber sie wußten und wissen bis heute nicht, was gegen einen serbischen General zu tun ist, der seinen Soldaten oder seiner Soldateska befiehlt oder erlaubt, Landsleute umzubringen, Frauen zu vergewaltigen und Kinder zu erschlagen, nicht weil sie Feinde, sondern weil sie muslimischen Glaubens sind.

Die deutschen Soldaten, die mit der Ermächtigung des Bundestages in Bosnien gemeinsam mit ihren Nato-Verbündeten den Frieden erhalten sollen, werden jetzt an der Kampftruppenschule in Hammelburg ausgebildet, wie sie mit Mördern, Vergewaltigern und anderem kriminellen Gesindel umzugehen haben.

Gleichsam als Attrappen werden ihnen Wehrpflichtige in der Grundausbildung (rechtsum, linksum) zugeteilt, die die Opferrolle zu übernehmen haben. Das ist ein wahrhaft glorioses Konzept der Dienstoberen für das Kriegsspiel mit anderen Mitteln. Man hätte es auch mit Komparsen in einem bundesdeutschen Knast aus Dealern oder Mördern inszenieren können, aber nicht mit Wehrpflichtigen beliebiger Herkunft, die ihrem Spielspaß freien Lauf ließen, indem sie - just for fun - damit einmal vermeintlich Ernst machten.

Es geht nicht um die Frage, ob Soldaten potentielle Mörder sind oder werden können. Natürlich sind sie es nicht. Auch ihr prinzipieller Auftrag, zu kämpfen und den Feind im Kampf zu töten, impliziert nicht den Mord. Aber der Tötungsauftrag kann Soldaten in Versuchung führen, auch wenn das Verbot die Regel bleibt, die Ausnahme davon jedoch im Grundsatz dargestellt wird. Da können Statisten des simulierten Bürgerkrieges zumindest Gelegenheit finden, ihren Sadismus virtuell auszuleben. Der Übergang zur Praxis verlangt wenig: nur Duldung. Sie wurde offenbar in der Kaffeepause trainiert. Jan Philipp Reemtsma' der die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht fördert, hat dazu in seinem Essay über "Krieg, Verbrechen, Moral" Abschließendes gesagt: "Der Zustand, in dem sich ein Mensch befindet, der optimal an das Milieu der Schlacht angepaßt ist, das wird man zugeben müssen, ist nicht besonders geeignet, in erster Linie auf die Grenzen zu achten, die der Gewalt im Krieg gezogen sein müssen, wenn er dem Bild des 'anständigen', des 'sauberen' Kriegers entsprechen soll, das imme r wieder entworfen wird."