In Worms herrscht Schweigen. Keine Presseerklärung, keine Stellungnahme zum Urteil. Am Telephon des Kinderschutzdienstes, einer beratungsstelle des Vereins Wildwasser gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Frauen, sitzt eine Sekretärin und darf nichts sagen. Vorstand und Mitarbeiterinnen sind für die Medien nicht zu sprechen, obwohl doch eine von ihnen, eine Religionspädagogin, die Ermittlungsmaschinerie damals angetrieben hatte.

Im November 1993 hatte eine Mitarbeiterin von Wildwasser das Jugendamt und die Staatsanwaltschaft über ihren Verdacht des sexuellen Mißbrauchs an drei Geschwisterkindern informiert. Ein Fall von Massenmißbrauch und Kinderpornographie, so ihre Vermutung. Die Zeugenaussagen weiterer Kinder und die Befunde einer Kinderarztpraxis hatten schließlich zur Anklage und Festnahme von insgesamt 25 Mitgliedern dreier verfeindeter Familien geführt.

Es gab weder Geständnisse noch Indizien. Das Landgericht Mainz verhandelte zweieinhalb Jahre lang, in drei Prozessen, von November 1994 bis zum 17. Juni dieses Jahres. Freispruch in allen Fällen!

"Den Massenmißbrauch hat es nie gegeben", so sagte der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz am 17. Juni. Und verband seine Urteilsbegründung mit einer harschen Kritik an gewissen Kinderschutzdiensten, deren "allzu ideologisch und feministisch" ausgerichtete Mitarbeiterinnen dem Grundsatz folgten: "Im Zweifel für den Mißbrauch." Man möge sich doch, formulierte Lorenz, in Zukunft auf die "therapeutische Behandlung" sexuell mißbrauchter Kinder beschränken und sich aus der "Aufdeckungsarbeit" von Straftaten heraushalten.

Ein Vorwurf, den sich feministische Beratungsstellen nicht zum ersten Mal anhören müssen. Er war auch 1993 im Verlauf des sogenannten Montessori-Prozesses in Münster laut geworden, in dem ein Erzieher angeklagt war, 62 Kinder sexuell mißbraucht zu haben. Auch damals hatte die Mitarbeiterin einer feministischen Beratungsstelle Alarm geschlagen, auch damals stand am Ende ein Freispruch. Seit 1992 führt die Berliner Publizistin Katharina Rutschky einen Feldzug gegen feministische Kinderschützer und wirft ihnen Mißbrauch mit dem Mißbrauch vor: Sie würden mit ihrem Engagement nur dem eigenen Interesse folgen, "um ihre Emanzipationsdefizite präsent zu halten".

Die Beratungsstellen für die Opfer von sexuellem Mißbrauch stehen am Pranger.

Ist es Zeit, die Qualität ihrer Arbeit grundsätzlich in Frage zu stellen?