Der Tag der Offenbarung kommt: Am 16. Juli verkündet die Brüsseler Kommission, wer unter den zehn Aspiranten aus Mittel- und Osteuropa reif ist für die Union. Und wer nicht. Nach Lage der Gerüchte wird Kommissionspräsident Jacques Santer zur Vorsicht mahnen: Tschechien und Ungarn sind allenfalls auf dem Weg, für Slowenien und Estland könnte sich frühestens in fünf bis sechs Jahren das Tor öffnen. Polen? Politisch willkommen, wirtschaftlich jedoch kein Wunschpartner. Der Rest? Ab ins Wartezimmer des europäischen Hauses.

Das laute Gerangel um einen Platz im Westen übertönt dabei die Gegenfrage: Ist die EU selbst überhaupt fit für die Erweiterung? Die Antwort lautet ganz einfach: Nein. Denn die Regierungen der fünfzehn Mitgliedsländer verweigern beharrlich jene Reformen, die Europa für die vielbeschworene Versöhnung des Kontinents braucht. So war's schon Mitte Juni beim Amsterdamer Gipfel, und so wird es wohl auch sein, wenn Kohl & Co. demnächst über eine Wende bei den milliardenschweren Agrarsubventionen oder der EU-Strukturpolitik zu Rate sitzen.

Dabei zwingt die Erweiterung die EU mehr denn je zu Veränderungen. Ähnlich wie vor sieben Jahren die deutsche Wiedervereinigung den Wessis den Abschied von Privilegien und bequemen Gewohnheiten abverlangte, so erinnert die EU-Öffnung nach Osten nun die Westeuropäer an alte Versäumnisse. Europa muß endlich seine Agrarausgaben, die noch immer die Hälfte des EU-Haushalts verschlingen, eindämmen der warme Regen der Strukturfonds, mittlerweile ein Drittel des Brüsseler Budgets, darf nur noch über den ärmsten Regionen der Union niedergehen. Bauernopfer und Gießkanne sind schon heute zu teuer - und würden die EU in die Pleite stürzen, falls das vereinte Europa sich morgen ohne radikale innere Reform jenseits von Oder und Neiße ausdehnt.

Denn mehr Geld, das hat allen voran Bonns Finanzminister Theo Waigel als größter Nettozahler der EU geschworen, mehr Geld darf die Osterweiterung nicht kosten. Ein wenig Spielraum bleibt Brüssel zwar noch bis zum Jahr 2000 wird das Budget gemäß alter Versprechen um insgesamt sechzehn, vielleicht auch zwanzig Milliarden Mark steigen. Aber fortan wird der EU-Haushalt nur um so viel zulegen, wie die Wirtschaft der Alten Welt wächst. Das reicht allenfalls, um zwei oder drei Beitritte zu verkraften. Spätestens danach müßte Europa jeden Euro zweimal umdrehen.

Den Preis können nicht allein jene berappen, die heute finanziell mehr nehmen als geben. Die Regierungen in Athen, Madrid oder Lissabon weigern sich zu Recht gegen das Ansinnen, der Süden möge bitteschön (über gekürzte Zuschüsse aus den EU-Strukturfonds) die Öffnung nach Osten bezahlen. Auch im reicheren Norden muß geknausert werden. Derzeit verkleckert Brüssel seine Fördermittel in Regionen, in denen mehr als die Hälfte aller EU-Bürger leben. Um zu klotzen, müssen wohlhabendere Städte und Landkreise künftig leer ausgehen.

Und das heißt: Norditalien, Teile von Irland und Belgien müssen ebenso verzichten wie Ostberlin oder ganze Landstriche in Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Monika Wulf-Mathies, die zuständige EU-Kommissarin, will die Strukturfonds auf nur noch drei (statt bisher sieben) Aufgaben konzentrieren: Entwicklungshilfe für arme Regionen, Beistand für Gebiete im Umbruch, Bildung und Ausbildung. Der Umwelt zuliebe soll weniger Geld für Autobahnen, statt dessen mehr in mittelständische Unternehmen fließen. Das schafft vielleicht nicht so viele Baustellen, dafür aber dauerhafte Arbeitsplätze. Damit nicht mehr als ein Drittel allen Geldes gen Osten abfließt, werden die EU-Milliarden für die neuen Mitglieder auf maximal vier Prozent ihres Sozialproduktes begrenzt. Mehr kann ohnehin keine Volkswirtschaft verdauen.