Das Ding wiegt gut vier Pfund (geschätzt), liegt also schwer auf dem Magen, wenn man es in leger zurückgelehnter Haltung lesen möchte. Es empfehlen sich kurze intensive Séancen, vielleicht während der Werbeblöcke im Hauptabendprogramm. Die Mühe lohnt sich, denn dieser Backstein von Buch ist ein verführerisches Nachschlage- und Blätterwerk. "That's Jazz - Der Sound des 20. Jahrhunderts" wird auf dem Umschlag des brochierten Werkes apodiktisch verkündet. Dann folgt auf 736 Seiten eine fast unübersehbare Flut von Aufsätzen, die das Thema aus jedem nur denkbaren Blickwinkel anvisieren.

Vom Verhältnis des Jazz zur traditionellen afrikanischen Kultur bis zu den HipHop-Acid-Postrock-Mutationen der Gegenwart, von den "Ghetto Swingers" im Konzentrationslager Theresienstadt bis zu den "Substreams" der verborgenen Moderne in der improvisierten Musik Europas. Auch Pflichtthemen wie Jazz und Lyrik oder Frauen im Jazz - warum eigentlich immer als Extrakapitel, als handle es sich um eine besonders gefährdete Spezies? - sind quotenanteilsmäßig vertreten (10 respektive 18 Seiten).

Mal wird schwer akademisiert (Heinrich Baumgartner: Das Verzahnungsprinzip als Beispiel für traditionelle Musikgestaltung in Schwarzafrika), dann wieder locker geflapst (Michael Naura: Im Untertagebau der Jazzkeller). Dazwischen finden sich alle Seriositätsgrade der Darstellung, von der knallharten musikwissenschaftlichen Exegese bis zur Anekdotensammlung. Letztendlich eine Spiegelung des unsicheren Status, den der Jazz auch heute noch genießt: Ist er nun seriöse Kunst, im abendländischen Sinne, der man mit analytischem Besteck zu Leibe rückt, oder doch eher ein Fest der Verschwendung, der Verausgabung, das mit coolem Slang und improvisierten Metaphern besser umgarnt wird? Am Ende ist der Deckel zu und solche Fragen bleiben mehr oder weniger offen. Auch ein Verdienst dieses Buches.

Was "That's Jazz" aber endgültig zum Champion in der Schwergewichtsklasse der Jazzbücher macht, ist die verschwenderische Ausstattung mit Photographien: New-Orleans-Musiker-Truppen in abgerissenen Uniformen, melancholisch dem Ersten Weltkrieg entgegenblickend, Louis Armstrong mit Trompetenkrone auf dem Cover des Time-Magazins, Nacktphotos von Huren aus dem Vergnügungsviertel Storyville, Duke Ellington siegesgewiß, mit glänzendem Gebiß.

Die Bilder zeigen Triumphe und Verwüstungen, Ernsthaftigkeit und Exzeß. Hier verdichten sich wildbewegte Biographien, die die Musik nur andeuten kann: Das Photo Chet Bakers mit den von Drogen zerstörten Gesichtszügen erzählt die Subgeschichte des stets gut frisierten, perfekt manikürten Westcoast-Jazz.

Improvisation als Höllenfahrt zwischen Knast und Kaschemme.

"That's Jazz" ist eigentlich ein "Abfallprodukt": der Katalog zu einer mittlerweile fast zehn Jahre zurückliegenden Ausstellung, die zum erheblichen Teil mit Artefakten aus der Sammlung des "Jazzpapstes" Joachim Ernst Berendt bestritten wurde. Herausgeber Klaus Wolbert sorgte jedoch für den Gegenwartsanschluß: Bis kurz vor Drucklegung wurden noch neue und neueste Platten gesichtet und evaluiert. "That's Jazz" ist also nicht nur das dickste, sondern auch das aktuellste Buch auf dem Markt. Erschöpfend im doppelten Wortsinne, anregend, neugierig machend.