Das Skandalon von Hammelburg wirft die Frage auf, ob man Soldaten auf die Erfahrungen beim Einsatz in einem Krisengebiet vorbereiten kann. Kann man trainieren, Zeuge von Vergewaltigung und Mord zu werden? Oder weckt das Training in Soldaten genau jene Kräfte, die zu bekämpfen sie in den Einsatz geschickt werden? Korrumpieren friedenserhaltende Missionen - oder schon die Vorbereitung darauf - die Moralvorstellungen der Soldaten?

"Bei vernünftiger Vorbereitung und Betreuung machen Auslandseinsätze Soldaten weder zu Kriegertypen noch zu Meuchelmördern", meint Perelak Gyllestad, Abteilungsleiter im Zentrum für Internationale Operationen der schwedischen Streitkräfte. Bei der Vorbereitung von Soldaten auf Auslandseinsätze stützen sich die Vereinten Nationen gern auf die Schweden. Sie beschäftigen Psychologen und haben seit Jahrzehnten Erfahrung. Auch ausländische Offiziere, darunter Deutsche, kommen regelmäßig nach Stockholm.

Die Vorbereitung darf jedoch nicht dem Motto folgen: je realistischer, desto besser. Vermeintlich einsatznahes Training, bei dem sogar Erschießungen und Vergewaltigungen nachgestellt oder auf Videos vorgeführt werden, hält Gyllestad nicht für sinnvoll: "So etwas erzeugt eine völlig falsche Vorstellung von den Situationen, mit der Soldaten in solchen Einsätzen konfrontiert werden." Wenn Soldaten zu realistisch auf Kriegsgreuel vorbereitet würden, steige die Gefahr der Abstumpfung. "Vor ihrem Einsatz haben die Soldaten noch das Gefühl, daß Vergewaltigungen und Hinrichtungen nicht in Ordnung sind", berichtet Gyllestad. "Wenn man den Umgang mit solchen Sachen trainiert, akzeptiert man sie."

Ein Extremfall für Erfahrungen mit Kriegsgreueln ist Srebrenica. Im Sommer 1995 wurden niederländische Soldaten wochenlang in der sogenannten UN-Schutzzone festgehalten. Bei der Einnahme der Stadt durch bosnische Serben mußten sie tatenlos zuschauen, wie zahllose Frauen vergewaltigt und Männer exekutiert wurden. Viele der holländischen Soldaten hatten anschließend mit den Bildern in ihren Köpfen zu kämpfen. Nach Ansicht von Gyllestad ist das eine gesunde Reaktion: "Man muß sich dann allerdings intensiv um die Betreuung kümmern." Geschieht das nicht, können Streß und die Unfähigkeit, Aggressionen abzureagieren, zu Gewaltausbrüchen führen.

In Somalia beispielsweise folterten Soldaten des kanadischen Luftlanderegiments einheimische Zivilisten und ließen sich dabei von Kameraden photographieren. Von ihren Vorgesetzten wurden die Soldaten so lange gedeckt, bis die kanadische Regierung entschied, das ganze Regiment aufzulösen. Ein wichtiger Grund für solche Ausschreitungen sind die Gruppennormen, nach denen Gewalt akzeptiert ist und "markiges" Verhalten verherrlicht wird. "Im Einsatz vergessen die Soldaten dann leicht ihr natürliches Gefühl dafür, was gut und böse ist", erklärt Gyllestadt.

Die schwedische Armee hat aus solchen Erfahrungen Konsequenzen gezogen. Nur zehn Prozent der Bewerber aus den Streitkräften werden für internationale Einsätze ausgesucht und dann bewußt zu neuen Einheiten zusammengestellt. Denn bestehende Kampfeinheiten zu UN-Blauhelmen zu machen ist gerade wegen tief verwurzelter Gruppennormen riskant. Bei der Ausbildung dieser neuen Einheiten legt die schwedische Armee Wert auf Landeskunde, Sprachkenntnisse und den Umgang mit Streß. Über Kriegsgreuel spricht Gyllestad nur allgemein: "Man kann Soldaten einfach nicht auf Vergewaltigungen vorbereiten."