Oma brachte 1970 aus dem Westen eine Bravo mit. Das Heft ist weg, der Inhalt unvergessen. France Gall hatte zwei Liebhaber, Karel Gott Heimweh nach Prag, Ricky Shayne wollte mit Delphinen reden und Wencke Myhre schweigen über ihre Jungfernschaft. Eine Höckernase, behauptete Doktor Sommer, sei kein Selbstmordgrund. Inmitten dieser Sülze die große CCR-Story: "John Fogerty: Auch wenn ich küsse, denke ich an Musik!"

Man konnte kein CCR-Fan sein. Die Truppe war zu populär. Jede zweite Hauswand zierte das Kreidegraffito, und als dann noch Rüdi Ruppe mit der Eulenbrille sich die drei Versalien auf die Federtasche pinselte, stand fest: CCR peitscht nicht wie Hendrix, Purple, Iron Butterfly, die Stifter juveniler Düsternis. CCR war was für Weiber, Bauernbums und Autoscooter.

Amerikas Rockrichter urteilten ähnlich. Zwar regierten Creedence Clearwater Revival von 1968 bis 1971 Jukebox und Radio. Aber was sie spielten, fiel völlig aus der Zeit. Creedence' Dreiminutenhits malten den alten Süden der Raddampfer und der Bayous: öde Nester, weites Land, Hoffen und Harren, viel Regen, viel Mond. Am revolutionären Pathos der Epoche nahm das Fogerty-Quartett nicht teil. We want the world and we want it NOW! brüllte Jim Morrison von den Doors und starb in der Badewanne. John Fogerty antwortete mit "Who'll Stop The Rain" und "Someday Never Comes". Er war ein volkstümlicher Realist und zugleich jener Feuerbachsche Philosoph, der, statt eine Welt zu fordern, die er nicht begehrt, sie nur immerfort beschreiben will.

Was John Fogerty völlig abging, war Talent zur gegenkulturellen Rock-Ikone. Die Hippies mochte er nicht sehr, die Vietnamveteranen lieben ihn bis heute. CCR-Songs intonieren einen schlichten Fatalismus, den man sich je nach Bedarf als Trauer, Größe und Vergebung auslegen kann. Ihre Antimodernität macht sie zur Musik für alle Zeiten.

Sie geben, was du hast. Sounds und Posen altern, Songs reifen - dies auch zum kleinen Unterschied zwischen, sagen wir, Pearl Jam und Neil Young.

Mir wurden CCR zur späten Liebe mit dem "Girl Next Door". Man kann nicht CCR-Fan werden und Volksverächter bleiben. Die Band selbst zerfiel schon 1972. Auch auf seinen Soloalben verschnitt der Kalifornier John Fogerty Southern Rhythm 'n' Blues und Hillbilly, bis er nach drei guten Platten und einer üblen ("Eye Of The Zombie") vor zehn Jahren verstummte. Sein Tod 1990 war ein Schock mit Widerruf: Die Zeitung hatte John mit Bruder Tom verwechselt. John lebte, aber bitter. Sämtliche CCR-Tantiemen kassiert bis heute der Fantasy- Plattenboß Saul Zaentz. In Zaentz haßte Fogerty die eigene Musik.

Und nun die große Freude: Gerade ist "Blue Moon Swamp" erschienen (Warner Bros. 9362-45426-2), ein delikates Rootsrock-Album, nuanciert und trotzdem rumpelrauh wie CCR. "Southern Streamline" beginnt fast wie "Bad Moon Rising", "Blueboy" ähnlich "Born In The Bayou".