Mit einem grandiosen Aufsatz, geradezu einem Befreiungsschlag, hat der Augsburger Historiker Johannes Burkhardt die Debatte über die deutsche Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg aus ihrer Stagnation herausgerissen und zu neuen Ufern geführt. Seit dem Historikerstreit um die Thesen Fritz Fischers waren so viele widersprüchliche Motive für die Risikopolitik des Kaiserreichs bekanntgeworden, daß Thomas Nipperdey sie schließlich als "präventiv-defensiv" charakterisierte und andere auf europäische Vergleichbarkeiten auswichen. Burkhardt führt nun den "Kriegsgrund Geschichte" ein, den er an drei Schicksalsdaten der preußisch-deutschen Geschichte festmacht: 1870, 1813, 1756.

Die historischen Bilder jener Kriege waren tief im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verwurzelt und jederzeit als Orientierungen abrufbar. Sie haben schon vor 1914 die Kriegsbereitschaft gefördert und dann den Krieg legitimiert. Für diese These haben Burkhardt und seine vielen Helfer in zehnjähriger Arbeit eine überwältigende Fülle an Belegen gesammelt.

Von den drei Kriegen war der von anno 70 im historischen Bewußtsein besonders präsent, weil er sich mit den Mythen der Reichseinigung und des "Eisernen Kanzlers" verband und durch Nationalfeiertage, Nationaldenkmäler, ungezählte Kriegerdenkmäler, in Literatur und im Schulunterricht lebendig gehalten wurde. Der Krieg von 1870, so Burkhardt, "stärkte sicher das nationale Anfangsvertrauen in die eigene militärische Kraft". Der Weltkrieg erscheint ihm "fast als eine mißlungene Kopie einer Erfolgsinszenierung im Vertrauen auf Bismarcks Fortune nach dem Motto: Es wird schon wieder gutgehen."

Die rauschhafte Begeisterung vom Freiheitsfrühling 1813 ließ sich im August 1914 vor allem bei der akademischen Jugend leicht wiederbeleben, denn ein Jahr zuvor hatte ganz Deutschland die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals bei Leipzig gefeiert, ein multimediales Ereignis, an dem sich Zehntausende von Turnern und Burschenschaftlern beteiligten.

Hundert Jahre lang war das deutsche Volk mit der Tradition von 1813 indoktriniert worden: durch Romane und Bühnenspiele, Gedichte und Lieder, durch populäre Darstellungen und durch Denkmäler und monumentale Gedenkhallen. Die vornehmlich "philosophisch-ästhetische Tradition", "der Geist Kants und Fichtes" und das idealisierte Gemeinschaftserlebnis ("Das Volk steht auf") hätten, so meint Burkhardt, "das Töten und noch mehr das Getötetwerden" mit einer Interpretation veredelt, "ohne die ein Krieg von den Dimensionen des Ersten Weltkriegs gar nicht mehr führbar gewesen wäre".

Das Bezugsjahr 1756 aber stand für die von Friedrich dem Großen begründete Tradition preußischer Machtpolitik, für den "Referenzkrieg des geopolitischen Kalküls". Im Geschichtsunterricht mußten die Schüler des Kaiserreichs (man darf hinzufügen: auch noch im "Dritten Reich") die Schlachten des Siebenjährigen Krieges auswendig lernen: Prag, Kolin, Hastenbeck, Großjägersdorf, Roßbach, Leuthen und so weiter. Von 1906 bis 1913 wurden im Generalstab diese Schlachten systematisch aufgearbeitet. Der Alte Fritz galt als Vorbild des Präventivkriegers. Die Analogie zu seinem Einmarsch in das neutrale Sachsen war 1914 der Angriff auf Belgien. Burkhardt zitiert Thomas Mann: "Und Deutschland ist heute Friedrich der Große. Es ist sein Kampf, den wir zu Ende führen." Zugleich wurde der Preußenkönig zum leuchtenden Beispiel stilisiert für den "Selbstbehauptungs"-Kampf gegen "eine Welt von Feinden".

Worüber man 1914 nicht sprach, weil es noch im Archiv ruhte, was aber alle Verantwortlichen und auch Historiker schon wußten, war die von Friedrich bereits 1752 testamentarisch eingeplante Eroberung und Annexion Sachsens.