Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.Mit diesem Brecht-Zitat schließt eine Presseerklärung der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).Sie attackiert eine internationale Tagung über Blutbildung und Behandlung von Leukämien, die in der ersten Juliwoche in Hamburg stattfand."Die Veranstaltung soll erkennbar dazu dienen, die Folgen der zivilen Nutzung der Atomenergie gesundzubeten.Gewol lt oder ungewollt lassen die beteiligten Wissenschaftler sich zu Trittbrettfahrern der Atomindustrie machen", heißt es in dem IPPNW-Text.Das Symposium werde insbesondere "von den Professoren Gaßmann und Kellerer zur Entlastung der Atomindustrie in strumentalisiert". Winfried Gaßmann wird unter anderem angekreidet, daß er eine neue Studie korrekt zusammenfaßte, nämlich "daß demographische Faktoren eher mit dem Auftreten von Leukämie-Clustern in Zusammenhang stehen als Umweltfaktoren, einschließlich Atomkraftwerken".Was heißt das? Die Epidemiologin Freda Alexander von der Universität Edinburgh berichtete über eine europaweite Untersuchung lokaler Häufungen kindlicher Leukämien, kurz Cluster genannt.In der Studie wurden 13 551 Leukämiefälle in 17 Ländern aus den Jahren 1980 bis 89 analysiert.Dabei stellte sich heraus, daß Cluster meist in Regionen mit mittlerer Bevölkerungsdichte auftreten, die zunächst eher isoliert und dann durch den Zuzug Fremder geprägt waren, etwa in wachsenden Randgemeinden von Großstädten oder im Um feld neuer Fabriken.Die Analyse von 240 Regionen, in denen gehäuft Leukämien auftraten, habe keine Hinweise auf Umweltfaktoren wie Chemikalien ergeben.Und Nuklearanlagen kamen in nur vier der 240 Regionen vor.Vermutlich entstünden in neuen Gemeinscha ften kleine Epidemien durch unbekannte, Leukämie hervorrufende Krankheitskeime. Diese Hypothese ist nicht neu, Leukämie erregende Viren (vom Typ HTLV) sind bekannt.Die neue Studie stützt allerdings den alten Verdacht der meisten Experten, daß der Streit um Leukämie und Kernkraftwerke im Normalbetrieb mehr eine politische Spiegelfechterei als wissenschaftliche Debatte ist.Bestärkt wurde dieser Eindruck durch zwei ähnliche Berichte, einen davon präsentierte Albrecht Kellerer: Entgegen vielen Befürchtungen treten in den Regionen Weißrußlands, die am stärksten vom Tschernobyl-Fallout betroffen sind, bisher noch keine meßbar erhöhten Leukämie-Raten bei Kindern auf.Gleiches war bereits für die strahlenbelastete Ukraine bekannt: Den stark gestiegenen Fallzahlen beim Schilddrüsenkrebs folgte bisher keine s ignifikante Zunahme bei den Leukämien. All dies mißfällt Atomgegnern, die beispielsweise das Kernkraftwerk Krümmel als Auslöser von Leukämien bezeichnen.Träfe dies zu, dann hätte es in der Umgebung von Krümmel bald nach der Inbetriebnahme (1984) einen mindestens mit Tschernobyl vergleichbaren Fallout und wenige Jahre später eine Epidemie an Schilddrüsenkrebs geben müssen.Doch teure Gutachten von Atomkritikern haben nichts dergleichen gefunden. Unterzeichnet ist der IPPNW-Pressetext von einem Anti-Krümmel-Aktivisten.Das macht die Attacken verständlich - aber nicht verzeihlich.Der IPPNW bezeichnet sich als Vereinigung von "Ärzten in sozialer Verantwortung".Daß Schläge unter die Gürtellinie zur sozialen Verantwortung gehören - das war die verblüffendste Erkenntnis der Tagung.