Die Experten der Deutschen Börse AG sind ratlos: "Da müssen wir erst mal nachzählen." Auf Anhieb vermag niemand zu sagen, wie viele Rekorde der Deutsche Aktienindex (Dax) seit Neujahr erklommen hat. Das Nachschlagen und Rechnen dauert seine Zeit, die Aktenordner sind mit Erfolgsmeldungen prall gefüllt: "37 neue Bestmarken seit Anfang Januar", lautet schließlich die Antwort aus Frankfurt. Und ein Ende ist vorerst nicht abzusehen: In der ersten Juliwoche kletterte der Dax jeden Tag auf ein neues historisches Hoch.

1997 ist das Boomjahr an den internationalen Aktienmärkten und das, obwohl bereits das vorherige Börsenjahr voller Superlative gesteckt hat. Der kräftigste Aufschwung in der Geschichte des amerikanischen Aktienmarktes hat "kühnste Träume" übertroffen (Bank Hofmann in Zürich) und Europas Handelsplätze endgültig in seinen Bann gezogen. In den vergangenen zwölf Monaten schnitten die Anleger in Deutschland sogar noch besser ab als ihre Kollegen an der Wall Street. Binnen zwei Jahren hat ein Investor am Krisenstandort Deutschland sein Vermögen nahezu verdoppelt - selbst wenn er nur durchschnittlich erfolgreich war. Zum Vergleich: Wer sein Geld auf einem Sparbuch parkte, mußte sich gerade einmal mit einem Inflationsausgleich begnügen.

Die Bullen, so werden die Optimisten in der Szene genannt, sind wie von Sinnen. Welche Eigendynamik den Bullenmarkt erfaßt hat, belegt der Börsenstart des Münchner Fernsehsenders ProSieben zu Beginn dieser Woche: Profis und Private orderten Papiere im Wert von über 60 Milliarden Mark, fünfzigmal mehr, als ProSieben-Chef Georg Kofler überhaupt zu verteilen hatte. Prompt schoß der Kurs der Flimmeraktie am ersten Tag um 32 Prozent in die Höhe.

Während die öffentliche Hand von einer Finanzkrise in die nächste torkelt, Normalverdiener immer weniger im Portemonnaie haben und Millionen Arbeitslose den Glauben an ein Jobwunder verloren haben, sitzt den Anlegern das Kapital so locker wie nie zuvor. Schier unerschöpflich scheint Liquidität in die Dividendentitel zu fließen. Die Hausse treibt die Hausse.

Selbst ältere Finanzfachleute können sich an einen solch profitablen Jahrgang kaum erinnern. Vergleichbar ist allenfalls die Zeit vor dem weltweiten Crash am 19. Oktober 1987 - dem größten Kurssturz seit dem Schwarzen Freitag im Jahr 1929. Damals verloren die Aktionäre binnen wenigen Stunden rund ein Viertel ihres Vermögens.

Solch bittere Erfahrungen werden heute einfach verdrängt. Da mag der hochgeachtete amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan ebenso vor einem "Überschwang der Märkte" warnen wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel nach kurzem Atemholen stürmen die Profitjäger weiter - natürlich nach oben.

"Die Luft ist sehr dünn", mahnt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, und bringt die Stimmung unter den Geldprofis auf den Punkt. Doch das hindert kaum einen daran, weiter am großen Rad zu drehen.