Ein Kind schreibt. Fein säuberlich und langsam, zuerst Buchstaben, dann Wörter, auf Linien, ins Heft, Seite um Seite. Das Kind schreibt immer dann, wenn sich die Eltern gestritten haben oder nicht aufhören mit dem Streiten. Es schreibt zum Beispiel "Heini und Lene weinen". Eine Szene aus "Deutschland, bleiche Mutter", dem bekanntesten Film von Helma Sanders-Brahms.

Es ist ein autobiographischer Film, die Geschichte einer Ehe vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges, die Geschichte eines Kindes, das in Einsamkeit und Kälte im Nachkriegsdeutschland groß wird. Das erwachsene Kind schreibt immer noch: Drehbücher, Hörspiele, Romane. Vor allem aber macht Helma Sanders-Brahms Filme, seit 1969 hat sie Spielfilme und Dokumentarfilme gedreht, fürs Kino, fürs Fernsehen, über zwanzig. Ihr letzter Film, rechtzeitig zur Berlinale fertig geworden, läuft in diesen Tagen in Israel auf dem Jerusalem-Filmfestival: "Mein Herz - niemandem!" - Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn.

Der Film erzählt die Geschichte einer Liebe - und ihres Scheiterns zwischen der Dichterin und dem Dichter, der Jüdin aus Elberfeld und dem deutschen Pastorensohn, der älteren Frau und dem jungen Mann, Prinz Jussuf, wie sie sich nannte, und Giselher, wie sie ihn taufte. Ein ungleiches Paar, Liebende und Rivalen, die mit ihren Gedichten einen leidenschaftlichen Dialog geführt haben.

Der Film von Helma Sanders-Brahms ist Spurensuche, dokumentarische und fiktive. Daß dieser Film in Jerusalem, in Else Lasker-Schülers Exil- und Sterbestadt, gezeigt wird, "auf dem schönsten Festival, das es gibt", ist für die Regisseurin "die Erfüllung meines Lebenstraums".

Helma Sanders, geboren 1940, studierte nach einer Schauspielausbildung Anglistik und Germanistik, hospitierte dann bei Rundfunkanstalten und wurde Fernsehansagerin beim WDR. Auch als Modell hat sie gearbeitet - "mit Glamour zu spielen hat mir Spaß gemacht". Gleich für den ersten größeren Dokumentarfilm, "Angelika Urban, Verkäuferin, verlobt", erhielt sie zwei Preise im Kurzfilm-Mekka Oberhausen. Und ihr zweiter Spielfilm "Der Angestellte" wurde 1972 mit dem Preis des Festivals von Bergamo/San Remo ausgezeichnet.

Film auf Film, fast alle ihre Filme wurden preisgekrönt auf den Festivals der Welt, in London, Locarno, Paris, San Sebastian, Tokio, Istanbul, Montreal. Die Regisseurin ist Chevalier des Arts et des Lettres de la France, seit Juni auch Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

Ihre Themen waren die politischen der Zeit und gerieten (fast alle) zeitlos: Filme über Frauen, Frauen im Betrieb, im Alltag, mit Kindern. Filme über Frauen und Männer der 68er-Generation in ihrer hilflosen Suche nach (nationaler) Identität. Schon 1973/74 beschreibt sie in dem Science-fiction-Film "Die letzten Tage von Gomorrha" eine Gesellschaft, die dem totalen Fernsehen unterliegt. Damals, so sagt die Filmemacherin, reagierte die Springer-Presse mit Überschriften wie "Das Fernsehen kippt uns Müll ins Wohnzimmer". Sie habe immer "jemanden bedroht". Zum Beispiel mit "Shirins Hochzeit" von 1975. Hier erzählt sie die Geschichte einer jungen Türkin, die, auf der Suche nach ihrem türkischen Verlobten, einem Gastarbeiter in Köln, einen Passionsweg geht hin bis zur Prostitution: Regisseurin und Hauptdarstellerin wurden damals von den Grauen Wölfen, den rechtsgerichteten Türkengruppen, mit Morddrohungen attackiert, beide lebten viele Monate unter Polizeischutz. Dann, 1977, "Heinrich", ein Film über den Dichter Heinrich von Kleist, kein übliches Dichterportrait, sondern die erregende Beschreibung eines zerbrochenen, zerrissenen Lebens.