Die ideologische Front im Streit um die Lehrstellenmisere verläuft quer durch die Firma von Michael Wesselmann aus Ibbenbühren. Vier seiner Filialen für "Hair Design" betreibt der Friseurmeister im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen. Sein fünfter Salon hingegen befindet sich wenige Kilometer nördlich im niedersächsischen Osnabrück. Die Landesgrenze dazwischen markiert einen zentralen bildungspolitischen Konflikt: Sollen Auszubildende vom zweiten Lehrjahr an einen oder zwei Tage pro Woche zur Schule gehen?

Niedersachsen hat den Schultag, den die Wirtschaftsverbände zu einem der wichtigsten Ausbildungshindernisse erkoren, bereits gestrichen. Nordrhein-Westfalen hingegen führt die Gruppe der Länder an, die sich einer Abschaffung von Schultagen strikt widersetzen. Der Streit beschäftigte vergangene Woche Länderchefs, Bildungsminister und Bundeskanzler - ohne konkretes Ergebnis.

Fragt man Michael Wesselmann, dann erscheint die Auseinandersetzung um die Stundenpläne, an deren Ende ein kräftiger Zugewinn an Lehrstellen stehen soll, allerdings sehr theoretisch. Der Geschäftsmann zögert noch, auch dieses Jahr wieder sieben Lehrlinge einzustellen. "Die sind mir nicht oft genug im Betrieb." Dabei könnte er seine Ausbildung einfach von Ibbenbühren/Nordrhein-Westfalen nach Osnabrück/Niedersachsen verlagern. Doch das ist Theorie: "Einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden Berufsschulen sehe ich nicht."

Dafür gibt es eine erstaunliche Erklärung: Hier wie dort findet seit Jahren für Lehrlinge der Mittel- und Oberstufe kein zweiter Berufsschultag mehr statt. Bloß ist das nicht Folge moderner Bildungspolitik - es fehlt den Schulen einfach an Lehrern. "Fünfzehn bis zwanzig Prozent des Unterrichts", klagt der Osnabrücker Berufsschulleiter Jürgen Schlüter, "müssen ausfallen."

Der Berufsschulunterricht ist grundsätzlich in einer Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz der Länder geregelt. Danach müssen Lehrlinge mindestens zwölf Stunden pro Woche die Schulbank drücken. Acht davon sind für fachtheoretische Unterweisung im jeweiligen Beruf vorgesehen Kfz-Mechaniker lernen hier etwa, wie ein Dieselmotor funktioniert. Vier Stunden sind für allgemeinbildende Fächer wie Deutsch, Politik und Sport reserviert.

Im einfachsten Fall wird der Unterricht auf zwei Tage mit je sechs Stunden verteilt. Doch je nach Branche und Bundesland gibt es viele unterschiedliche Modelle. Häufig werden in den ersten Ausbildungsabschnitten mehr als zwölf Wochenstunden erteilt; später dafür etwas weniger. Sobald die Lehrlinge mit den Grundlagen vertraut sind, bleibt dann mehr Zeit für den Betrieb. Mancherorts wechseln sich phasenweise Wochen mit einem und mit zwei Schultagen ab. Oder die Schulzeit wird gleich zu Blöcken zusammengefaßt. Dann bleiben etwa die angehenden Einzelhandelskaufleute während der Weihnachtszeit und zum Sommerschlußverkauf für mehrere Wochen ganz im Laden und gehen in flauen Geschäftszeiten um so öfter zur Schule.

Das Niedersachsen-Modell, das nach Ansicht der Bundesregierung überall gelten sollte, versucht schließlich die Anzahl der Tage zu minimieren, an denen die Lehrlinge in der Schule sind. Im ersten Lehrjahr werden jede Woche zwei neunstündige Schultage angesetzt; vom zweiten Jahr an bleibt dann noch ein Neunstundentag pro Woche übrig.