Vor dem kreisrunden Sichtfenster der Raumstation Mir steht ein Bonsaibäumchen. In Moskau zurechtgeschnitten, wächst es nun in einem alten Einmachglas in der Schwerelosigkeit, 200 Kilometer über der Erdoberfläche. Hier, im Labor Priroda (russisch für "Natur"), werden Züchtungsversuche durchgeführt, die eventuell einmal für einen bemannten Flug zum Mars wichtig werden. Wie lassen sich Nahrungsquellen im All regenerieren? Wie ändert sich das Wachstum von Pflanzen? Wenn beispielsweise Weizen im Reagenzglas von oben mit Licht bestrahlt wird, treibt er zwar Ähren aus, entwickelt aber keine Körner. Zukünftige extraterrestrische Ackerbauern müssen sich noch manchen Kunstgriff einfallen lassen.

Auch die Tierzucht sieht sich bei langen Raumflügen ungewöhnlichen Problemen ausgesetzt. Vier Perlhühner sollten eigentlich an Bord der Mir aufgezogen werden. Doch die Tiere konnten in der Schwerelosigkeit weder fliegen noch fressen. Navigierunfähig trudelten sie durch die Raumstation, und wenn sie Körner aufpicken wollten, verloren sie das Gleichgewicht und kippten vornüber. Schließlich wurden ihnen Klebebandstreifen unter die Krallen geheftet, damit sie beim Fressen Halt fanden. Doch der Raumstreß war für die Tiere zu groß: Kläglich gingen alle vier zugrunde. Nun ist nur noch ein leerer Brutkasten an Bord, in dem die Perlhuhneier ausgebrütet werden sollten.

Tiere und Pflanzen an Bord der Raumstation dienen allerdings nicht nur rein wissenschaftlichen Zwecken. Sie haben auch psychologischen Sinn. In der technisierten, stählernen Welt der Raumkapsel ist alles Lebendige geradezu Balsam für die Seele der Kosmonauten. "Grünpflanzen sind ein wichtiges psychologisches Stimulans", sagt die Psychologin Olga Koserenko vom Moskauer Institut für biomedizinische Probleme, deren Aufgabe die Betreuung der Mir-Raumfahrer ist. "Kurze Flüge kann jeder aushalten, aber Langzeitflüge belasten die Psyche erheblich."

Seit 1977 arbeitet in diesem Institut ein Stab aus Psychologen und Ärzten, der die Raumflüge vorbereitet und begleitet. Seit 1986 betreut er die wechselnden Raumstationen der Mir. "In den Vereinigten Staaten waren psychologische Betreuungsprogramme lange Zeit eher verpönt. Sie wurden mit Begriffen wie Therapie und Schwäche assoziiert. In Rußland bringt man das eher mit Training und Unterstützung in Zusammenhang", sagt Dietrich Manzey von der Deutschen Forschungsgesellschaft für Luft- und Raumfahrt, der eng mit dem Moskauer Institut zusammenarbeitet. "Doch auch in Amerika beginnt man die Raumfahrtpsychologie mittlerweile ernster zu nehmen."

Für interplanetare Reisen in der Zukunft dürften die Erfahrungen der Russen von unschätzbarem Wert sein. Denn während amerikanische Astronauten für kurzfristige Höchstleistungen trainiert werden, schult man in Rußland die Kosmonautenteams im langfristigen ökonomischen Umgang mit den eigenen psychischen Ressourcen. In den USA würde die Aufenthaltsdauer im All in Stunden gemessen, witzeln Raumfahrtexperten in Moskau nicht ohne Stolz, die Russen dagegen könnten dieselben Zahlen in Tagen aufweisen.

Der Rekord steht derzeit bei 438 Tagen im All. Walerij Poljakow vom biomedizinischen Institut in Moskau startete im Januar 1994 zur Mir und kehrte im März 1995 wieder auf die Erde zurück. Wie hält ein Mensch so eine lange Zeit im All aus? "Die Leute müssen vor allem mit sich selbst zurechtkommen und in gewisser Weise in sich ruhen", sagt Dietrich Manzey, der Poljakow auf seiner Langzeitmission mit einem psychologischen Test begleitete. "Wer zuviel körperliche Bewegung oder viele soziale Kontakte braucht, ist für das Leben an Bord einer Raumstation nicht geeignet." Potentielle Kosmonauten werden deshalb auf Herz und Seele getestet.

Schon 1971 - nur zehn Jahre nachdem Juri Gagarin den ersten Flug ins All unternommen hatte - begann die russische Raumfahrtbehörde mit den Saljut-Missionen ihr Langzeitflugprogramm. Doch lange Zeit war in der Öffentlichkeit kaum zu erfahren, mit welchen Schwierigkeiten Besatzungen und Bodenpersonal zu kämpfen hatten. Nur Erfolgsgeschichten drangen nach außen. Katastrophen wie der Tod der Saljut-1-Besatzung wurden verschwiegen. Damals hatte bei der Rückkehr zur Erde ein Druckventil in der Landekapsel versagt, und die Besatzung war trotz Training nicht in der Lage gewesen, es von Hand zu schließen. Warum, das wurde nie aufgeklärt.