Verdammt, warum ist die Musik gerade jetzt ausgegangen?" Andreas Bock steht unter dem Basketballkorb und schimpft aufgeregt in die Sporthalle. Verunsichert hält der 24jährige den türkisfarbenen Gymnastikball mit beiden Händen fest. Heftig ein- und ausatmend, hatte er sich auf den Korbwurf konzentrieren wollen. Und bei diesem Spiel bedeutet das vor allem horchen, woher die Musik kommt. Denn Andreas sieht nicht, wo er hinwerfen muß. Deshalb kann er sein Ziel nur anhand der Musik orten, die aus einem Lautsprecher hinter dem Korb schallt. Doch die letzten Takte von Abbas "Dancing Queen" sind gerade verklungen, und erst nachdem jemand eine neue CD eingelegt hat, kann Andreas endlich seinen Wurf ausführen.

Nightball wird diese Sportart genannt, die seit kurzem einige junge Leute in Hamburg-Niendorf betreiben. Die Spielregeln entsprechen in etwa denen beim Basketball. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied: Nightballsportler laufen, werfen und dribbeln, ohne dabei zu sehen. Sie könnten zwar sehen, haben aber Augenbinden aufgesetzt, und die Eishockeyhelme, die sie zu ihrer Sicherheit tragen, haben verdunkelte Vollvisiere. Tastend und vor allem horchend bewegen sie sich durch die Halle. Einige wandeln dabei vorsichtig und mit ausgestreckten Armen, wie Mondsüchtige im Schlaf; andere hingegen preschen, angreifenden Fechtern gleich, mit Ausfallschritten und rudernden Armbewegungen voran. Damit niemand versehentlich gegen eine Wand läuft, ist ein Absperrband um das Spielfeld gespannt, das einen Sicherheitsabstand von zwei Metern gewährleistet. Außerdem kann der sehende Schiedsrichter zur Not helfend eingreifen.

Um den Akteuren die auditive Orientierung zu ermöglichen, werden alle Utensilien des Spiels zum Klingen gebracht. Bei der kleinsten Bewegung gibt etwa der mit Reis gefüllte Gymnastikball ein lautes, mahlendes Geräusch von sich. Und der Korb ist eigentlich gar kein Korb, sondern ein faustgroßer, roter Schalter, der auf eine Holzplatte unterhalb des Basketballkorbes montiert ist. Trifft ein Spieler diesen Schalter, ertönt eine Melodie, die an das Pausenzeichen in einer Schule erinnert. Auch die beiden Lautsprecher für die Musik, die den Spielern die Ortung der Körbe ermöglicht, hängen an dieser Platte.

Akustische Signale senden aber auch die Spieler selbst aus. Sie tragen Glockenbänder an den Handgelenken, und ihre Aktionen mit dem Ball müssen sie laut ankündigen, wenn sie etwa einen Paß werfen, den Ball gefangen haben oder auf den Korb zielen wollen. Anders ist kein Zusammenspiel möglich. "Ihr müßt mehr kommunizieren", fordert deshalb auch Britta Runge aus dem Trainerteam die Spieler immer wieder auf. Ruft einer von ihnen "Korbwurf" oder "Paß", dürfen seine Gegner ihn fünf Sekunden lang nicht attackieren. So kann er in aller Ruhe sein Ziel erhorchen und werfen.

Einfach ist das jedoch nicht, jedenfalls für Neulinge. Manchmal rollt der Ball nur wenige Zentimeter an den Spielern vorbei, und trotzdem schaffen sie es nicht, ihn zu ergreifen. Nicht selten spielt einer von ihnen in Panik ab, ohne daß sich überhaupt jemand aus seiner Mannschaft in der Nähe befindet. Kein Wunder, denn hat ein Spieler sich einige Male um die eigene Achse gedreht und dabei den Ball abgespielt, geht ihm zunächst jegliche Orientierung im Raum verloren. Nur langsam beginnt dann die Umstellung auf das Gehör, und man weiß zumindest, wo sich die Körbe befinden - denn dort spielt die Musik.

"Obwohl durch die Schlafbinde und das verdunkelte Visier absolut kein Schimmer dringt, versucht man anfangs doch immer wieder, etwas zu sehen", erklärt Britta Runge, "es kostet sehr viel Konzentration, sich auf die anderen Sinne umzustellen." Beim Training lockt sie die Sportler daher mit dem rasselnden Ball durch die Halle oder läßt sie das Zupassen üben. Haben die Spieler erst einmal ihre Angst, mit jemandem zusammenzustoßen oder gegen die Absperrung zu laufen, überwunden und ihre Wahrnehmung ausreichend umgestellt, bewegen sie sich erstaunlich sicher und schnell. Viele von ihnen berichten, sich nicht nur durch Tasten und Hören zu orientieren, sondern ihre Mitspieler "irgendwie zu spüren". Einige Spieler machen dafür einen zusätzlichen, bisher unerforschten Sinn verantwortlich. Vielleicht entsteht dieses Gefühl aber auch nur durch die Kombination der verbleibenden Sinne.

Euphorisch berichten alle nach dem Spiel von beeindruckenden Erlebnissen, etwa von einer ganz neuen Raum- und Zeiterfahrung oder von einer veränderten Wahrnehmung der eigenen Geschwindigkeit. Durch die Ausschaltung der visuellen Ablenkung werde außerdem das Bewußtsein für den eigenen Körper verstärkt. "Es kann auch durchaus entspannend sein, den Sehsinn auszuschalten", sagt Britta Runge, "wir werden doch ständig von Reizen, vor allem von optischen, überflutet."