Wenn jemand früher "das zweite Gesicht" hatte, so wurden ihm Begegnungen der "dritten Art" zugetraut. Heute ist damit keine abgründige seherische Begabung mehr verbunden. Jeder beobachtet es, wenn sein Mitmensch einem Apparat tief in die Augen schaut.

Nehmen wir mal an, Sie fragen eine Angestellte in einem Reisebüro, einen Beamten auf einem Amt, einen Banker hinter dem Schalter um eine Auskunft und schon kehren alle unterschiedslos ihr Gesicht von dem Ihrigen ab und dem Bildschirm ihres Computers zu. Das ist so selbstverständlich, daß niemand es eigens wahrnimmt oder sich gar daran stört. Aber es ist mit einer gewissen Veränderung dessen verbunden, was man früher irreführend "Kommunikation" nannte.

Die Person, die bis dahin Ihr ganz persönlicher Partner war, wendet sich nun mit der vollen Aufmerksamkeit, die der Begriff "Zuwendung" verspricht, dem neuen Partner zu, einem Bildschirm, den Sie nicht sehen, während Ihr vormaliger Partner nur noch Augen für ihn hat. Vor Ihren Augen geht Ihr Expartner fremd. Und sagen Sie nicht, daß es sich hier doch nur um einen Apparat, schlimmstenfalls um eine Partnerattrappe handle. Denn intensiver absorbiert, mehr mit Beschlag belegt könnte Ihr Expartner von keinem Menschenwesen sein. Sie werden zur Randexistenz degradiert, buchstäblich marginalisiert, bestenfalls die Grenzzone seines neuen Gesichtsfeldes.

Gewiß, Ihr Expartner spricht vielleicht noch mit Ihnen weiter. Aber das bleibt etwas Beiläufiges, in seinem Gesichtsfeld kommen Sie nicht mehr vor; optisch, und allein das zählt, sind Sie nicht mehr existent. Und genaugenommen haben Sie auch nichts mehr zu sagen. Höchstens dem trockenen Klappern der Tasten können Sie entnehmen, daß da eine menschliche Botschaft in das Innenleben der Geräte dringt. Das eigentlich kommunikative Leben spielt sich auf einer benutzerfreundlichen Oberfläche ab, von der Sie vielleicht profitieren, die Ihnen indes nicht freundlich und für Sie in der Tat nur Oberfläche, ja nicht einmal sichtbare Oberfläche ist.

Den Augenblick der Wahrheit erleben Sie, wenn Ihr vormaliger Gesprächspartner Ihnen wieder sein Gesicht, sein erstes, zuwendet, nachdem er das zweite bis auf weiteres abgeschaltet hat. Wenn Sie Glück haben, erfahren Sie nun alles von ihm, was Sie erfahren wollten. Aber er sagt es Ihnen mit einem Gesicht, dem Sie gnadenlos deutlich ansehen, wieviel lebendiger, unterhaltsamer, informativer, auch fordernder sein zweites Gesicht war, während das Ihrige doch nur die analoge, vieldeutige, unbrauchbare Information einer menschlichen Physiognomie bieten kann.

Sehen Sie genau hin, so werden Sie bemerken, daß er durch Sie hindurchsieht, weil er auf Ihrem Gesicht nicht den zuverlässigen Halt eines Bildschirmes findet: Wie fremd, wie abgründig tief, wie unverständlich, wie uneinsehbar können doch Gesichter sein! An der eigentümlichen Unpersönlichkeit, die Ihnen nun begegnet, obwohl Sie vorher nichts davon bemerkt hatten, können Sie nun ablesen, wie schwer es Ihrem humanen Expartner ist, zu einem Fragesteller zurückzufinden, der unklar in seinen Vorstellungen, unpräzise in seinen Befehlen, dürftig in seinen Kenntnissen, regressiv in seinen Kommunikationsbedürfnissen ist.