Bonn

Diese Zeilen laufen unter drei. Off the record. Sie sind nie geschrieben worden. Wer das bezweifelt und den Zweifel damit begründet, daß er gerade liest, versteht nichts von Politik. Und auch nichts von Journalismus.

Es ist nämlich so: Worte, die fallen, sind noch lange nicht gesagt worden. Und von Äußerungen, die Journalisten notieren, muß die Öffentlichkeit nicht unbedingt Notiz nehmen. So ist es jedenfalls in Bonn. Vermutlich auch in Wien. So ist es wohl an jedem Ort, an dem Politik und Presse den Alltag miteinander teilen.

Amsterdam, "Hilton"-Hotel, Frühstücksbuffet am Morgen nach dem EU-Gipfel. Journalisten und Politiker, Diplomaten und EU-Beamte bereden bei Kaffee und Brötchen die lange Nacht. Da kommt Wolfgang Schüssel, der österreichische Außenminister. Er setzt sich an einen Tisch mit Landsleuten, einige Journalisten sind darunter, und beginnt zu plaudern. Geschichten "von eher belangloser Natur", wie ein Anwesender später berichtet.

Zwischendurch wird Schüssel deftig, selbst für österreichische Ohren. Der deutsche Bundesbankpräsident, der sei "eine richtige Sau", sagt er, und dann dieser Ministerpräsident, der Schwede oder der Däne, ein "Trottel" sei der, der das Gras, welches über ein politisches Thema gewachsen sei, "wie ein Kamel abgefressen" habe. Irritierte Blicke, vielleicht vereinzeltes Schmunzeln. Wie der daherredet! Aber muß man alles schreiben, was man hört?

Muß man nicht. Keiner in der Runde schrieb oder sendete ein Wort. Aber einer erzählte es später einem deutschen Kollegen. Und der schrieb es auf. Eine Woche später stand es im Focus.

Damit begann das Unglück von Wolfgang Schüssel. Empört dementierte er, je von Säuen und Kamelen gesprochen zu haben. Das wiederum wollten die Ohrenzeugen so nicht stehenlassen. Sie bestätigten die Zitate ihres deutschen Kollegen, ja sie publizierten sogar neue Schüssel-Grobheiten, die in Wirklichkeit alt, nur unveröffentlicht waren. Zum Beispiel, wie er den weißrussischen Präsidenten Lukaschenko einen "Kümmeltürken" geschimpft und einen afrikanischen Staatsmann "barfüßig" genannt haben soll.