Herrscht Panik im deutschen Blätterwald? Erst provozieren aufgescheuchte Leser, verstärkt durch Professoren, Künstler und Feuilletonisten der ganzen Republik, die Entlassung des angesehenen Chefredakteurs der Badischen Zeitung in Freiburg. Wenig später wird der langjährige Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung in Leutkirch mit sofortiger Wirkung seines Postens enthoben. Eine Unternehmensberatung hatte den Betrieb durchleuchtet, eine Arbeitsgruppe der Redaktion Zukunftspläne entwickelt. "Das war mein Konzept", sagte Chefredakteur Hanns Funk, bevor er als Sonderkorrespondent abgeschoben wurde. Genauso erging es jetzt seinem Kollegen von der kleinen Pforzheimer Zeitung. Dabei hatte die sich erst vor einiger Zeit jung und dynamisch gestylt. Der Slogan: "Pforzheimer Zeitung - und der Tag wird gut."

Was ist los mit den Verlegern von Regionalzeitungen? Haben sie neue Erkenntnisse über Shareholder value im Zeitungsgeschäft? Müssen sie sich für neue Zeiten rüsten, gegen Krisen wappnen? Gilt nicht mehr, was auf einem Symposium "Zukunft der Zeitung - Zeitung der Zukunft" noch vor kurzem in Königswinter für Verleger und Journalisten formuliert wurde? "Je globaler unsere Welt wird, je virtueller die Wirklichkeit, um so stärker wird das Bedürfnis der Menschen nach Bodenhaftung. Die Tageszeitung aber ist ein Stück vertraute Heimat. Diese Botschaft ist die Stärke unseres Printmediums."

Doch das Gespenst der neuen Medien versetzt die Regionalverleger in Unruhe. Nach Lokalradios und kostenlosen Anzeigenblättern droht vielleicht schon bald die Konkurrenz im Internet. Zu dünn, so klagen die kleinen und mittleren Verlage, sei die Kapitaldecke für große Zukunftsinvestitionen in neue Medien und die gleichzeitige Modernisierung der eigenen Produktions-, Redaktionsund Vertriebssysteme. Und was tun gegen Unwägbarkeiten wie schwache Konjunktur, Bevölkerungsschwund, Landflucht oder die angeblich unberechenbare analphabetische Techno-Jugend, die mit dem Walkman vor dem Bildschirm hockt?

Dabei liest der Deutsche noch immer gerne Zeitung, täglich eine halbe Stunde lang. 25 Millionen Exemplare stecken jeden Morgen in Briefkästen und stapeln sich am Kiosk. Nur die Briten, Schweizer, Skandinavier und Japaner frönen noch häufiger der Eintagslektüre. Das Lesefieber ist allem Kulturpessimismus zum Trotz sogar gestiegen. Hätten 1970 noch 47 Prozent der Deutschen ihre Zeitung sehr vermißt, wollen heute 59 Prozent nicht mehr ohne sein. Zwischen 20 und 27 Mark im Monat ist jedem Haushalt die tägliche Lesestunde wert. Und die Meinung über das gedruckte Wort ist hoch. 65 Prozent der Leser von Regionalzeitungen sind überzeugt, "daß diese wahrheitsgemäß berichten".

Dennoch, die Regionalverlage im Schatten der großen Blätter Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung klagen. Privatsender haben ihnen Anzeigenkunden abspenstig gemacht. Schaufelte die Werbeindustrie vor fünfzehn Jahren noch 38 Prozent ihres Budgets gleich an die Gazetten weiter, waren es im vergangenen Jahr noch 29 Prozent. Doch im Lamento wird gern unterschlagen, daß das Stück am berühmten Werbekuchen zwar kleiner, die Torte aber größer geworden ist. Bekamen die Verlage damals 6,4 Milliarden Mark auf die Gabel, hatten sie im vergangenen Jahr 10,7 Milliarden Mark aufgespießt.

Friedrich Haak, Vorsitzender Geschäftsführer der Madsack-Gruppe, die neben den beiden hannoverschen Zeitungen auch das Göttinger Tageblatt und vier weitere Regionalzeitungen verlegt, mag deshalb "in das allgemeine Geheule" nicht einstimmen: "Die Entwicklung des Anzeigenmarktes war nicht lustig, aber damit kann man leben." Der allgemeine Auflagenrückgang der Abonnenten-Zeitungen von 0,5 Prozent sei Stagnation auf hohem Niveau.