Wer unten steht in diesem Gasometer , dessen Blick wird unweigerlich aufgesogen vom dunklen Zylinder. Die Wände markieren nur wenige Lichtspuren. Hoch oben, gut hundert Meter über der unteren Plattform, erscheint ein heller Strahlenkranz. Ein winziges Stück Himmel dringt durch einen filigranen Strahlstern in den magischen Raum.

In diesem Gasometer: Das kann nur einer sein. Der von Oberhausen. Gedanklich war er schon abgerissen, Industrieschrott. Durch ein personifizierbares Wunder blieb er stehen. Als Landmarke. Als Denkmal. Vor allem aber: als unvergleichlicher Ausstellungsort. Der jetzt zum dritten Mal bespielt wird. Zuletzt von Künstlern. Unter einem grandiosen Programmnamen: "Ich Phoenix". Mit Installationen, Klang-Raum-Skulpturen, medialen Vernetzungen. Die Premiere, zwei Jahre vorher, umkreiste die ureigene Geschichte der Region. "Feuer und Flamme", das zog die Menschen in Scharen an. Was sie erlebten, war eine Zeitmaschine. Mit Aggregaten, Bauzeichnungen, Alltagsdingen, Bildern und Tönen als Transmissionsriemen.

Und jetzt: wieder Bilderwelten. Solche, die erst fünfzig Jahre alt sind. Und die zu einem Medium gehören, das für viele Kritiker nichts ist als eine pure Alltagsmaschinerie zur Vernichtung von Phantasie. Vulgär, trivial, banal. "Der Traum vom Sehen": das legt fast automatisch die Kalauer-Verkehrung vom Alptraum nahe.

Tatsächlich aber belegt die Oberhausener Schau vom "Zeitalter der Televisionen" (Untertitel), welchen Reichtum das Fernsehen in seiner kurzen Geschichte entwickelt hat. Dabei sind die Ausstellungsmacher (die junge Berliner Truppe Triad) keineswegs dem Rausch des Positivismus verfallen. Allerdings haben sie für diese Kultur-, Alltags- und Technikgeschichte einen besonderen Blick entwickelt: den des kritischen Liebhabers. Eines Amateurs, wenn man so will, der sich nicht verführen läßt durch die Grußwortrhetorik des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministers Wolfgang Clement, der die Chose als "Ausdruck eines ganzheitlichen strukturellen Denkens und Wandels" preist - natürlich an einem "Ort des Aufbruchs", wo "moderne Wissenschaftsund Technologieparks, neue Dienstleistungszentren und zukunftsweisende Medienstandorte" sich entwickeln. Nun gut, ein Politiker als Promoter muß wahrscheinlich zur Formel greifen, daß hier, im Gasometer, "Geschichte und Zukunft des Fernsehens als Leitmedium der Moderne beleuchtet" werden.

Das Schöne aber ist: Dieser konkrete Traum vom Sehen mit seinen Aberhunderten von Exponaten - Geräten, Requisiten, Relikten - und mit seinen vielen Programmbeispielen aus den so zeitnahen televisionären Epochen, dieser Traum also wird in einem großen Raum der Imagination angesiedelt. Fernsehen: das ist für die Macher erst einmal Seh-Sucht, der Wunsch, den Augensinn zu beflügeln, das Blickfeld zu erweitern, weiter zu schauen als nur bis zum Horizont. Und sie verstehen es genauso als Innenschau, als Bildergenerator des Gehirns, das, wie es eine Computersimulation von neurologischen Netzen zeigt, sich in einem "Erregungsgefüge" mit sich selbst unterhält, träumend, mit ununterbrochen neu entstehenden, unvorhersehbaren Mustern.

Das Sehen als "Wunderkammer der Augenblicke": ganz zentral ist diese Grundeinsicht plaziert. Mit einem Würfel, hinter dessen Gucklöchern einen selbst (photofixierte) Augen anschauen - von allen möglichen Lebewesen. Die Vielfalt ist verblüffend. Diese organischen Blicke auf die Welt werden kontrastiert mit den mechanisierten menschlichen Träumen: Sehmaschinen vom Kineoskop bis zum Bild-Artographen, allesamt oft wundersam ersonnene Verlängerungen des Auges. Feinmechanisch-optische Tüfteleien, die - für uns fast rührend - zeigen, wie groß die Leidenschaft war, Gesehenes zu speichern, zu übertragen, in einen ganz neuen Zusammenhang zu bringen, dabei auch weiteste Entfernungen zu überbrücken. Galileos Himmelsblicke durch ein Fernrohr, Sigmund Freuds innere Bilder, die Transformation der Sinne und dazu auch ihre Täuschung: das alles ist weit mehr als eine bloße theoriebeflissene Ouvertüre zur Geschichte des Fernsehens.

Wenn es eine Plattform höher geht zu diesem Medium, das ebenso verpuzzelt ist wie mit ehrgeizigen gesellschaftlichen Erwartungen unterfüttert, wirkt der Eindruck des Entrées nach, distanzschaffend und relativierend. Das Pathos des Aufbruchs, wie es bei den ironisch auf den Sockel gehobenen Gründungsintendanten der heutigen Sender in Originalzitaten zu hören ist ("neue Form menschlicher Verständigung", "das neue geheimnisvolle Fenster", "Brücken schlagen"), es zerschellt ja schnell an der banalen Wirklichkeit des ganz konkreten "Heißen Stuhls" oder an der Mitropa-Kaffeemaschine, die Hape Kerkeling als heißen Preis den Westdeutschen andiente.