Unter dem Titel "Warum auswendig, wenn's auch inwendig geht?" veröffentlicht das deutsche Student's Network seit sechs Monaten allerhand im Internet, das wirklich allerhand ist: Über 500 Hausaufgaben und Referate, von Erdkunde bis Latein, stehen hier zum Herunterladen bereit. Eine Quelle für Informationen? Wohl eher fürs Abschreiben. Mit bis zu 3000 Besuchern pro Tag scheint die Schummelspelunke der wahrgewordene Sextanertraum zu sein. "Wir sind eine Pennälerguerilla", sagt der neunzehnjährige Schüler Bastian Wilhelms aus Celle, der die Homepage eingerichtet hat. "Über unsere Kontakte nach Österreich und in die Schweiz versuchen wir, einander Information zuzuschanzen und so unsere Schulzeit angenehmer zu gestalten."

Das haben sich hiesige Schüler von amerikanischen Studenten abgeschaut: "Online cheating" heißt das Phänomen an amerikanischen Universitäten. Den Anfang haben gewitzte Collegestudenten gemacht. Im Internet bieten sie Seminararbeiten und Referate an - im Tausch gegen gleichwertiges Schriftgut. So steigt die Umlaufgeschwindigkeit von term papers schnell. Der achtzehnjährige Student Dorian Berger beispielsweise hat an der Harvard-Universität bei Boston einen populären Schummeldienst eingerichtet. "Jeden Tag surfen Tausende Studenten zu meinem paper archive, und ich helfe ihnen, Zeit zu sparen. Gestern erst habe ich eine E-Mail von einer Studentin aus Baltimore bekommen - der Abgabetermin ihrer Arbeit war bereits verstrichen. Mein Essay über das taiwanische Entwicklungsmodell hat sie jetzt inspiriert." Bergers Arbeiten , vorwiegend über Südostasien und englische Literatur, gehören zu den besten im Netz. "Ich bekomme Anfragen aus aller Welt zu jedem nur vorstellbaren geisteswissenschaftlichen Gebiet", grinst er durchs Telephon. "Man will mich als Ghostwriter anheuern. Solange Harvard nichts dagegen unternimmt, werde ich weiter im Internet publizieren."

Noch immer hat manch ein Professor das World Wide Web nicht als Informationspool erkannt, aus dem sich nach Belieben Absätze in Hausarbeiten einflechten lassen. Fertigkeit im Umgang mit Suchagenten, so scheint es, wird zur neuen Form der Wissens- und Lebensbewältigung. "Download your workload!" - lautet so das Motto der neuen Bildungselite, die sich parasitierend im Netz rekelt? Johan Øhman, ein neunzehnjähriger Informatikstudent an der Universität Oslo, bietet unter http://www.optec.no/essay/ kostenlos umfangreiche Aufsätze und Referate auf norwegisch, schwedisch, dänisch, englisch und deutsch an. "Wer heute noch etwas Originelles aufs Papier werfen will, muß lange in Bibliotheken herumtrödeln", sagt er, und fügt selbstbewußt an: "Meine Arbeiten wurden mit den besten Noten bedacht und liegen nun zur freien Entnahme aus." Erst unlängst habe ein Student einer anderen Universität seine Semesterarbeit abgesaugt - "er hat sogar die bessere Note bekommen", ergänzt hman knurrend. Zukünftig will er sich ein Zubrot verdienen, indem er seine gut besuchte Homepage als Werbefläche zur Verfügung stellt.

Studentennetze haben im vergangenen Jahr allerdings Konkurrenz bekommen. Professionelle Firmen bieten Leistungen an, die von Amts wegen das Lehrpersonal zu erfüllen hätte. "Schüler schicken uns ihre Aufsätze via E-Mail, und wir redigieren sie innerhalb von Stunden", erläutert Joe Hammond, Eigentümer der Firma Student Gorilla-Tactics in Delaware, USA. "Für einen kleinen Aufpreis übernehmen wir auch die Klärung krauser Gedankengänge und das Bereinigen von Satzstrukturen." Meistens, spekuliert Hammond, sei es die Überbelastung der zwischen Forschung, Lehre und Personalpolitik zerriebenen Professoren, die Studenten in seine Netze treibt: "Die Lehrer tragen zur Verschärfung der Lage bei, indem sie ihre Vorstellungen von einer Seminararbeit unzureichend verdeutlichen."

Serviceleistungen wie diese sind allerdings schon auf einer "schwarzen Liste" verzeichnet, die Anthony Krier, Bibliothekar am Franklin Pierce College im US-Bundesstaat New Hampshire, zusammengestellt hat. Zum Jahreswechsel begann er, "geschockt und verärgert über die Verbreitung vernetzter Falschmünzerei", die Mogeldienste zu indexieren: "Die übelsten Burschen sitzen in den multinationalen cheating factories, die über das Internet universitäre Arbeiten gegen Seitentarif anbieten." In den vergangenen Monaten erhielt Krier, der auch Vorsitzender des Komitees für akademische Standards am College ist, über 600 Anfragen von Professoren aus aller Welt, die in Seminararbeiten ein verdächtiges Echo aus dem Cyberspace zu hören wähnten. Seine schwarze Liste will er nicht im Netz veröffentlichen - "das käme einer Aufforderung an die Studenten gleich, es doch mal mit einer industriellen Papierwerkstatt zu versuchen" -, sie kann jedoch unter seiner E-Mail-Adresse angefordert werden. "Ich beobachte einen Schneeballeffekt: Seit meiner ersten Surftour durch das WWW hat sich die Zahl der kommerziellen Archive verdoppelt."

Sie heißen "Written-to-Order-Sites" und dienen vorgefertigte Schriftsätze zu jedem nur erdenklichen Thema an. "Never write another term paper again!" schreit es da durch die Fugen der Archive. Die düstere Mogelabsteige "Evil House of Cheat" - das blinkende Logo "Cheaters get better grades anyway" ist über die knarrende Eingangspforte genagelt - hat etwa 8000 Aufsätze und Feldstudien im Keller, unterteilt in vierzig Kategorien. Manche sind hausgemacht, viele freilich von Studenten angekauft, die bereits das Abschlußdiplom in Händen halten. Glaubt man den Betreibern, erfolgt die Lieferung "just in time": Etwa zwei Stunden nach Absenden der Bestellung sollte das gute Stück im elektronischen Briefkasten liegen - für 9,95 US-Dollar pro Seite, Kreditkarten werden akzeptiert.

Vieles deutet darauf hin, daß im Hintergrund der virtuellen Textfabriken Universitätsangehörige arbeiten. Woher sonst sollte jemand das Wissen nehmen, blitzschnell Hausarbeiten zu den Themen "Frauenbild bei Dante, Petrarca und Boccaccio" oder "Foucaults Konzept der Macht" herauszublasen? Tatsächlich bestätigt Abe Korn, selbst ehemaliger Assistenzprofessor an der City University in New York, daß ihm Kollegen von einst bei der "individuellen Studentenbetreuung" zur Hand gehen. Er jagt pro Woche an die 150 Papers … 50,- US-Dollar in den Festspeicher, um diese dann an die junge, gierige Kundschaft zu verschicken. Korn, Spezialist für Informatik, Mathematik, Buchhaltung und Business Administration, hat einen Ghostwriterzirkel zusammengestellt: "Unser Geschäft boomt!" frohlockt er, "als privater Tutor verdiene ich heute fünfmal mehr als ein Dozent. Werbung via Internet hat zweifelsohne die Profitrate gehoben."