In Frankreich wäre das nicht passiert. Der Text, den ich der Computerseite der ZEIT geschickt hatte, handelte von der Hierarchie der Rechnernamen im Internet. Etwa zehnmal kam in meinem Artikel der Fachbegriff für die oberste Schicht dieser Ordnung vor: "Toplevel Domains", denn deren Reformierung stand gerade an (und tut es übrigens bis heute).

"Wegen der ,Top-level Domains' lasse ich mir noch was einfallen", avisierte der zuständige Redakteur bei der abschließenden Besprechung des Artikels, und als ich die gedruckte Fassung sah, waren aus ihnen "Hauptdomänen" geworden. Ein Eingriff, den ich ganz gelungen fand; schließlich steht auf meiner Visitenkarte vor der E-Mail-Adresse auch "Elektropost".

Aber daß diese Praxis ebenso typisch wie bemerkenswert ist, liegt auf der Hand: Ein Begriff aus der Computertechnik oder dem Internet taucht auf. Er steht in keinem Wörterbuch, wird als zu unhandlich und unverständlich eingestuft - und ad hoc übersetzt. Morgen wird er in der Zeitung nebenan vielleicht englisch belassen, übermorgen heißt er im Fachblatt vielleicht ganz anders, oder er wird sicherheitshalber gleich abgekürzt.

In Frankreich, wie gesagt, würde das nicht passieren. Dort wacht die Académie Française auf Grundlage des eigens zu diesem Zweck beschlossenen Loi Toubon über die Reinhaltung der französischen Sprache vor äußeren Einflüssen, namentlich angloamerikanischen.

Nicht immer ist es mit einer schlichten Übersetzung getan wie im Fall der Domains, in dem man auf die schon aus dem Weinanbau vertraute domaine zurückgreifen konnte; zuweilen werden auch schon mal Kunstbegriffe gebildet wie das berüchtigte logiciel (für Computerprogramm). Über den aktuellen Stand der Übertragung des Computervokabulars informieren Websites, pardon, infocentres.

Eine Einrichtung wie die Académie gibt es in Deutschland nicht. Hierzulande beobachten das Institut für Deutsche Sprache und die Duden-Redaktion die Sprachentwicklung - mit Betonung auf "beobachten". Man wartet die Entwicklung ab, schaut, welche Lösung sich durchsetzt. Immerhin, die E-Mail hat es in die aktuelle 21. Auflage des Duden geschafft, das World Wide Web sucht man dort jedoch ebenso vergeblich wie die Homepage und ihre nationale Konkurrentin, die Leitseite.

Der unterschiedliche Umgang mit den Begriffen in Frankreich und Deutschland verweist auf die zwei augenfälligsten Probleme, die an der sprachlichen Schnittstelle von Computer und Mensch auftreten: Erstens die Tatsache, daß die Lingua franca der Informations- und Kommunikationstechnologie Englisch ist und deshalb entschieden werden muß, ob, wie und wann man sie in die verschiedenen Sprachen der Welt überträgt.