Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 1

Dann wurde es Juli.

Alles mal bitte kurz antreten.

Dankeschön.

Folgendes: Dr. Motte hat gesagt: "Let the sun shine in your heart." Wobei, ehrlich gesagt, er hat es nicht gesagt, sondern er hat es befohlen. Denn so klingt der Satz zu Beginn der heurigen Love-Parade-Hymne "Sunshine".

"Let! - the sun shine! - in your! - heart!"

In mein hartes, kaltes, fürchterliches Herz? Die Sonne?

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 2

Ja, die Sonne.

Und so geschah es.

Das große stampfende Ungeheuer schiebt sich wieder durch Berlin: die Love Parade, die sogenannte "Love Parade".

Verrücktes Wort: Was für ein Staat, was für ein Militär ist denn die Liebe?

Moment, da muß ich mal eben kurz nachkucken.

Als neulich seine Ekstase-Brigaden auf dem lesbisch-schwulen Stadtfest am Berliner Nollendorfplatz im milden, frühsommerlichen Nieselregen zu Westbams Musik tanzten, und der gegen Abend "Sunshine" spielte, da öffneten sich alle Himmel zur Antwort, um sensationell gewaltige Wolkenbruch-Wassermassen in eben diesem Augenblick auf die tanzenden Menschen hernieder zu schütten, und die Tänzer warfen ihre Arme in die Luft, schrien, sprangen hoch und hoch im gezinkt gerade gezinkten Takt, und ihre patschnaß glänzend überfluteten Gesichter, die sie dem Regen entgegen hielten sagten ohne Worte in biblischer Grundsätzlichkeit ihr "ja". "Ja, ja, ja".

Dann spielte Westbam: "The roof is on fire".

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 3

Doch beim Wort "Wort" erhob sich natürlich augenblicklich Widerspruch.

Der Staatsanwalt, der das Reich einer besseren Welt vertritt, die da dereinst kommen wird, er nennt sich stolz und bitterlich auch heute noch "Kritik" - so wie er zuvor jahrhundertelang "Glaube" geheißen hatte erhebt Anklage gegen die Parade, gegen "Spaß", gegen "Glück", gegen diesen gigantischen Aufmarsch der "Affirmation", der "Körper", des "Sex".

Die Antwort waren Bilder.

Die Bilder zeigten immer wieder ähnlich die Gesichter einzelner Menschen, die inmitten vieler anderer etwas Schönes zu erleben schienen. Jeder, der das sah, fragte sich unweigerlich: was machen die denn da? Warum schauen die so aus, als würden sie... was ist denn das?

Man sah ein Geheimnis.

Etwas vielleicht Wunderbares?

Die Ahnung einer Art Vision von irgendwas?

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 4

Man sah die Bilder, Träger einer nicht erkennbaren Idee, von innen her bewegt von was Bewegtem. Das war die Musik. Ein Beat, der die vielen vielen versetzt synchron bewegte, der Herzschlag, pumpend, für ein ganzes Kollektiv. Und jeder war ganz offensichtlich vollkommen beglückt, dabei zu sein, gemeinsam mit den anderen der vielen gleichzeitig was Gleiches zu erleben.

Da klingelten die Alarmglocken, alle, überall.

Ein feiner Herr tritt vor, der Herr Conradi, Berlin Verlag, Berlin, um Klage zu erheben. "Das war ekelerregend", sagt er. Er bezieht sich auf den Uringeruch, der ihm seine morgendliche Fahrradfahrt durch den Tiergarten verleidet hat, neulich, nach der letztjährigen Parade. Und eine noch ältere Frau ist ganz seiner Meinung: "Wir, die meisten, sind von der Kriegsgeneration; wir haben den Tiergarten aufgebaut."

Genau, die Kriegsgeneration. Sie hat andere Kollektive gesehen, im Namen der Politik, mitgewirkt, meist wahrscheinlich ziemlich unbegeistert, an Verbrechen, Stumpfsinn, Krieg und Genozid. Wenigstens nie mehr begeistert sein; Vorsicht vor "Idealen"; ganz was Schlimmes: die sogenannte "Masse".

Das Wiedererkennen: Jubelbilder, junge Frauen in schwarz-weiß, entflammt, wie sie einem einen huldigen: Hitler fährt durch die Stadt. Das ist doch was. Das freut die Leute offenbar.

Meine Großmutter hat als sehr alte Frau, mit dem leuchtenden Blick des Greisenalters auf die doch wohl gerade erst erlebte Kindheit, immer wieder erzählt, wie das war, als sie damals als Kind den KAISER gesehen hat, in der Schloßallee vor Schloß Schönbrunn, in Wien, den Kaiser Franz Joseph I. Wie er sie angeschaut hat, und sie ihn.

Doch welche Wege führen vom Glück der Teilhabe an einem außerordentlichen Kollektiv-Ereignis zu den Verbrechen, die durch die jeweils individuelle Tat von vielen Einzelnen ein Kollektiv schließlich tatsächlich begeht? Nicht jubilierende BDM-Mädchen sind der Horror, sondern der einzelne Fascho-Opa, der mit gekrümmtem Finger seine aktuelle Fascho-Leier kräht: "Müll", "Baum", "grün", "braun", "Erde", "Boot".

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 5

Geh mir mal aus dem Licht, Alter, du nervst.

Es war einmal, in ferner Frühe, kaum mehr auszumachen, der Anfang dieses gegenwärtigen Jahrzehnts.

Die Revolution von 1989, die untergehende DDR, machte der untergehenden BRD ein tolles Abschiedsgeschenk: Deutschland, auferstanden aus Ruinen. Eine neue Rechte war plötzlich da. Faszinierend, bedrohlich. Wer gehört da eigentlich dazu? Hools, Prolls, Glatzen, klar. Und die lässig gebildeten, ewigen Abiturienten aus dem Feuilleton der FAZ?

Wo keine Front war, wurde mit seltsam bürokratischer Selbstverständlichkeit eine aufgemacht: "Politik". Leute, die im Real-Polit-Jahrzehnt der 80er Jahre mitgearbeitet hatten an einem hochenergetischen Zerstäubungsprozeß politischer Ideen und Ideale in die reale Welt hinaus, und zwar über das komplizierte Ideen-Verbreitungs-System Pop, - kehrten zurück, immer eine schreckliche Bewegung, zu ihren vergessenen Wurzeln: Kader, Partei, klare Linie, schlechte Laune, lange Haare.

Sogenannte "Wohlfahrts-Ausschüsse" gründeten sich und tagten in kleiner Runde, schlossen Allianzen mit minimal anintellektualisierten Kunststudenten und sprachen Verbote aus: Herr Syberberg darf nicht sprechen. Endlich: nicht mehr nur "Texte zur Kunst", sondern Taten mit der Trillerpfeife.

Ja und? Wo bleibt der Witz? Wie seid ihr denn drauf?

Aber die ganz normale echte Wirklichkeit, lustigerweise ja eben wirklich eine Wirwirklichkeit für alle - war eh längst ganz woanders. Sie hatte sich einen anderen Antwortort gesucht, um zu reagieren auf die neue Lage.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 6

Sie nannten es: Techno.

Diese Geschichte wurde oft erzählt, und es war immer eine andere. Es war immer die Geschichte der letzten, gerade erlebten Nacht. In unendlicher Variation wurde ein ums andere mal neu mit Worten dem irgendwie unfaßbar Erlebten hinterher geredet. Dabei war es zunächst gar nicht so sehr wichtig, ob das nun so wahnsinnig treffend gelang. Es war mehr ein gemeinsames Lallen, eine Art Wortmusik, der Party selbst nachgemacht.

Wichtig: Der und der hat da und da so und so gespielt, und alle wären da gewesen.

Ist ja geil.

Dann wäre man später noch dorthin gegangen und da und da hingefahren, da wäre man schon so und so drauf gewesen, und die Musik so und so.

Toll.

Und man wäre dann irgendwo gelandet, mit dem und dem und der und der, und da hätte man dann noch das und das gemacht, bis dann und dann. Und erst dann und dann wäre man so und so verstrahlt, verpeilt, endfertig und hochgradig verstört daheim gewesen.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 7

Ein Wahnsinn.

Jede Nacht ging es auf genau diese Art irgendwie um alles, nicht zuletzt um Auslöschung. Auslöschung von Erinnerung, Bewußtsein, Reflexion, Vernichtung von Geschichte.

So ließ man sich treiben.

Nach Frankfurt, nach Hamburg, nach Köln, nach Würzburg. Und natürlich nach Berlin.

Olaf: "Los, einsteigen, wir fahren zur Love Parade."

Ich: "Okay. Zur was?"

Dann war man dort. Und da waren wieder alle, die man von irgendwoher schon kannte, zumindest vom Sehen. Und lauter neue Leute.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 8

Ich lief von Wagen zu Wagen. Kletterte hoch und sprang runter. Plötzlich war der angenehmste Ort dieses eine linke Riesen-Vorderrad, neben dem ich wippend stundenlang dahinging in der heißen Sonne, ein uralter pharaonisch-vorzeitiger Vorderrad-Schieber, fröhlich im Dienst der Sound-Gewaltigen, die hoch oben auf den Boxen thronten.

Und staunend sah man die Leute, die das alles sahen, wie sie staunten.

Eine paradoxe Sache.

Nach draußen gehen, um miteinander unter anderen zu sein, sich denen zwar wohl zeigen, ihnen jedoch gar nichts, jedenfalls gar nichts Bestimmtes zeigen wollen.

Die selbstbezogene, fast autistische Komponente dieser Demonstration der Glückserfahrung war vielleicht, weil so irritierend, mit ein Kern-Politikum. Und das hochnervöse "Neu"-Organ, das die Realität dauernd fahrig suchend durchzuckt, meldete sofort: He, was ist da los?

Gerade, weil die Aktivisten selbst es nicht so genau wußten, schon gar nicht sagen konnten, entstand im Nu ein hochstereotypes Medien-Mantra: wie verrückt die Leute ausschauen, wie lange sie tanzen, wie laut und dumpf die Musik wäre.

Im Schutz dieser immer leicht ins Hysterische lappenden, hilflos scheiternden Versuche, die Sache zu identifizieren, konnte sie nach innen wachsen, sich da intern vielfach vervielfältigen, selbst zu verstehen beginnen und gleichzeitig immer größer, populärer werden.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 9

Eine wirklich ideale Ko-Evolution: wie der Medien-Stumpfsinn aus und mit und in realem Chaos Geist gebiert.

In den prächtigen Hohlräumen der Erinnerungslosigkeit: explosionsartiges Aufblühen einer grandiosen Mythologie. Wie alles DAMALS war. Gestern, letzte Woche, vor zwei Jahren. Selten hat man eine offenere, zeitradikalere Bewegung gesehen: dabei sein, mitmachen und immer schon dabei gewesen sein: ein Ding und kein Problem.

One Love, one World

Peace on Earth

Planet Love

We are one Family

Friede Freude Eierkuchen

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 10

Let the sun shine in your heart

Die großen, simplen Predigten des Dr. Motte, über die sich halbschlaue Kritiker besonders gerne lustig gemacht haben, hatten nicht nur wirklich Licht und Ausstrahlung für sich, sondern vor allem diesen einen wunderbaren Sinn, nichts und niemanden auszuschließen, außer eines, den Ausschluß.

So kamen von allen Seiten immer mehr neue Leute herbei, um mitzufeiern. Immer Jubelhochamt, Kirche der Ununterschiedlichkeit.

Bum, Bum, Bum.

Wie bitte?

BAM BAM BAM.

An den Rändern standen die Passanten, sahen uns und lachten.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 11

Und wir lachten auch, weil wir uns gegenseitig sahen und erkannten. Kann das sein? So vielen fremden Menschen sich so nahe zu fühlen plötzlich, das war doch Irrsinn. Das brachte eine Qualität der Madness ins Spiel.

Dauernde Bewegung, Hektik, dauernd stand man auf irgendeinem anderen Wagen, turnte herum auf zusammenbrechenden Stahlträgerkonstruktionen und Boxentürmen, oder hupfte eine ganze Parade lang direkt über dem Dieselauspuffsrohr auf dem Dach einer Fahrerkabine auf und ab, Arm in Arm mit wechselnden Genossen, kohlenmonoxydvergiftet schließlich, und warum auch nicht.

Immer wieder saß man irgendwo - die Erinnerungen der Jahre überlagern sich, logisch, die Jahre fließen ineinander - an irgendeiner Ecke oder Kante, von irgendeiner supersüßen Maus aus München oder sonstwoher umarmt, mit der gemeinsam im Gespräch und in Bewegung - und wenn man aufschaute, eine frische Lunge von Amylnitrit im Hirn, erschüttert und beseelt, die immer noch mehr anderen und schließlich wirklich nicht mehr übersehbar vielen sah ... - man konnte nur den Kopf schütteln, man konnte es nicht fassen.

Man schaute sich an: "Wahnsinn, oder?"

"Wahnsinn".

Umhüllt von Gegenwart.

Die Irgendwie-Welt, strukturell latent, verborgen von der gütig-gnädigen Dunkelheit, der großen, heiligen, ewigen Nacht des Jetzt. - Halleluja.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 12

Das rätselhafte Geheimnis: warum diese ganze Bewegung so lange wirklich immer neu neue Gegenwart sein konnte.

Möglicher Mitgrund: ein simples Paradox, das von innen her dauernd frische Energie erzeugt und in die Sache reingepumpt hat: Abweichung, Individualität, Differenz, die an ihrer Selbstabschaffung arbeitet, um aufgehen zu können selig im Einen eines Gemeinsamen. Den Widerspruch zwischen Ich und allen also genau andersherum auflösen, als es zirka 45 Nachkriegsjahre lang selbstverständlich üblich und vernünftig war.

Techno reproduzierte dabei, ohne es zu wissen, eine gesamtgesellschaftlich neue Realiät. Jeder doofe, hohle Proll, der zum Beispiel im Afrikanischen Viertel im Wedding seine Hunde durch die Gegend brüllt, ist so sehr und jenseits aller Zweifel absoluter Herr und Herrscher seiner ganzen Welt, wie jeder andere Universitätsprofessor, Straßenkämpfer, Bauarbeiter oder Redakteur. Die Ordnung der bürgerlichen Klasse, Herr Conradi, ist zusammengebrochen, endlich. Jedes Ich für sich ein vollkommen entwickeltes, perfektes Universum, seiner selbst gewiß.

Die "Kritik" wollte das nicht in sich einarbeiten. Zielrichtung sollte bleiben: "Dissidenz". "Differenz" wird angestrebt, anstatt von ihr auszugehen. Wie oft hat man es den Politfreunden vorgebetet: isoliert, dissident, allein und unglücklich bin ich eh, wie jeder andere auch, selber, ununterbrochen, jeden Tag. Das kann doch nicht Ziel von Politik sein.

Doch anstatt sich neu zu denken, wollte die alte Politik lieber in den hochinteressanten Scheiße-Ausschau-Wettbewerb mit paar komischen Rechtsradikalen eintreten, um gemeinsam mit denen im Sumpf der Marginalität zu versinken.

Viel Spaß, da unten, im Dreck.

Gleichzeitig wurden die Mädchen und Jungs, die oben auf dem Techno-Wagen standen und da tanzten, immer hübscher, immer verschiedenartiger und nackiger angezogen, immer noch unterschiedlicher.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 13

Denn für jeden der vielen, die schon sehr bald jedes Jahr nicht mehr hingehen und mitmachen wollten, kamen hundert und hunderte neue dazu, die einfach dem Ruf der Bilder folgten.

Langsam wurde deutlich, und natürlich gab es dafür jede Menge Dissing, wie sehr Techno, ursprünglich nur auf sich selbst konzentriert und für sich isoliert, zusammenpaßt mit dieser unserer, haha, gegenwärtigen, Zitat Hardy, "kaputten Event-Gesellschaft".

Besonders natürlich hier in Deutschland, wo eine riesige, ausgebrannte Staatsruine, die noch vor 5 Minuten 18 Millionen Menschen beherbergt hat, heute da einfach so in der Landschaft herumsteht, schwarz, verlassen, am Fluß.

Das war in Dresden, im letzten Tageslicht spät abends. Wir fuhren über eine Brücke. Westbam zeigte auf so einen finsteren, von innen her verglühten, riesenhaft rußschwarzen Kafka-Bau. "Das Ministerium für Liebe", sagte er.

Nicht in England, nicht in Frankreich, in keinem anderen westeuropäischen Land gab es einen so umfassenden Zusammenbruch bestehender Ordnungen mit all den damit einhergehenden Brutalismen, Härten, Zerstörtheiten.

Gerade auch dem hat Techno sich völlig unspektakulär und ohne missionarische Hintergedanken automatisch geöffnet. Die anfangs noch nachtleben-typische Sozialmelange machte schon sehr bald einem denkbar weitestgefächerten Sozialspektrum Platz. Keiner kennt sie nicht: die unglücklichen Kreaturen, all die Mühseligen und Beladenen, die massenhaft Stumpfen, Trostlosen, Kaputten und Verblödeten, die auch mitstapfen dürfen, wie fucking jeder, der will, zu dem einen Beat.

So wurde es so langsam ganz schön eng überall, richtig anstrengend.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 14

So viel Glück, so viele Menschen.

Hitze, Durst, Substanzen.

So viel Lüge plötzlich auch, so viele Widersprüche. Vielen wurde das alles zu viel. Zurück zu den Wurzeln. Bewegungsintern wurde neu gebildet, was die Sache ursprünglich als Ganzes mal gewesen war, und so, gerade musikalisch, immer neu auch wieder wirklich wurde: "Underground".

Unter wechselnden Titeln (Intelligent, House, Electro, Jungle, Drum and Bass, Neotechno) kehrte man zurück zu ordentlichen, übersichtlich kleinen, alten Werten. Unabhängig davon, was es für neue gesellschaftliche Realitäten gibt, gibt es als ältesten Generalkonsens bei ganz vielen immer die Bitte: bitte nicht zu viele.

Bloß kein Geld. Geld: böse. Teilnahmebedingung sollte statt dessen wieder sein: die richtige Gesinnung. Die allerplumpesten, ausgeleiertsten Scripts aus den jahrzehntelang probierten Subkultur-Kontexten wurden hervorgezogen und neu aufgeführt. Extrem spannend.

Dennoch führte diese Entwicklung dem großen Ganzen des Dance-Dings, egal was die Anti-Akteure darüber dachten, immer neu neue musikalischen Ideen zu. Und vor allem endlich auch: die WORTE.

Bisher hatte es nur zwei Texte gegeben: die Nacherzählung der auf Platte erschienenen Musik (frühe Hochblüte: DJ Tanith Tanatos' Plattenkritiken im frühen Frontpage) und den Erlebnisbericht von der Partyfront. Die Geschichte dieser Textformen ist die Geschichte des meteorhaften Aufstiegs der Zeitschrift Frontpage und ihres Verglühens.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 15

Salut: JL. Wir haben immer an dich geglaubt.

Frontpage agierte da, wo die eigentlich zuständige Presse, wie Spex und taz, nicht waren. Wo waren die eigentlich? Neulich leistete sich die taz, erstaunlich souverän, eine einseitige Reflexion zu diesem Thema: wo war die, nach eigenem Selbstverständnis doch so avancierte Kulturguerilla, als das sozial und musikalisch wirklich Neue im Umfeld von Techno-House geschah? Wo war sie? Bei sich daheim, bei ihren Worten, verstrickt in interne Kämpfe, in Diskursobsession, von Weltangst gelähmt. No risk, no fun.

Anders als Gabba und Goa, für sich mächtige, autonome Großfürstentümer in Technoland, aber eben um die Realität des Tanzes gruppiert, waren alle anderen Subreiche Nicht-Tanz-Tanzwelten. Diese Selbstwidersprüchlichkeit machte den "Underground" und die in ihm versammelte Spasten-Versammlung, die er allen mitbrachte, so produkiv: verbal produktiv.

So kamen erste neue Worte in Sicht. So konnte man anfangen, sich grob fürs erste zu orientieren. Wie die Sache, von innen gesehen, jedoch dargestellt wie von außen, als Ganzes aussah. Widerspruch. Im Widerspruch dagegen formierte sich, langsam wie die Worte nun mal sind, eine Ahnung von Begrifflichkeit, die paßt und stimmt.

Die Absetzungsbewegung da dagegen wiederum trat an unter dem infernalisch, und fast schon verzweifelt herausgeschrienen Tanzkampf-Aufruf: "ABFAHRT!" Bis zum Zusammenbruch. Das war unsere Intelligenz, unser Techno.

Damals war es, da reiste ein harter Kern aus München zur Parade wild entschlossen böse an, hatte eigenes Bier und eigenen Limes für den eigenen Wagen klar gemacht, - um sich dann da zu dem Schlachtruf "WE ARE THE HATE SQUAD" so brutal rand- und haltlos zuzubetrinken, daß alle weiteren Festivitäten im Nebel der Amnesie des pathologischen Rauschs verschwunden blieben - bis wir uns irgendwann im Hotel wiederfanden, Tage später, schlaff beim Suffchillout am Swimmingpool.

Daran denkt man gern zurück.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 16

All das war viele Jahre her.

Wie schauts denn heute aus? - Wir nähern uns der Gegenwart. - Ich kann es nicht so recht erkennen, Herr.

Der gegenseitige Austausch zwischen Bewegung und Gesellschaft hat alles in alle Richtungen vielfach importiert und exportiert. Pleiten, Pech und Pannen, Realpolitik und Religiositäten, Spirit und echte soziale Novität. Das einstmals Neue ist dabei verschwunden, ist aufgenommen worden, wurde vielfältig gesellschaftlich inkorporiert. Das Sozialexperiment Dance ist nun auch Wirtschaftsfaktor, genauso wie es immer noch Ideenträger ist und Vision.

Das Schöne dabei: gute Ideen, die man kaufen kann. Keiner muß denen beitreten, nirgendwo muß man sich ausweisen, der Zutritt wird nicht über Exklusiv-Mitgliedschaft vergeben und verwehrt.

Man dreht einfach das Radio auf. Und sie spielen, für jeden anders, das eine Lied, das einem gilt und dadurch gehört. Für ganz viele war das diesen Sommer: "SONIC EMPIRE", von keinem Geringeren als dem Kollektiv der "Members of Mayday".

Die Leute haben diese Platte auf Platz 1 der Single-Charts gewählt per Kauf.

Was für ein Triumph, vor allem musikalisch. Wann war zuletzt eine Platte von solcher reichen Qualität so vielen Menschen so plausibel? Die Ingredienzen hatte Westbam im vergangenen Jahr bei seinen Gigs im E-Werk in Berlin, gemeinsam mit dem dortigen Publikum, wahrscheinlich unübertrieben wirklich das tollste Publikum der Welt, hervorprozessiert, getestet, verfeinert und zu Perfektion entwickelt, für alle erkennbar. State of the Art, ein neuer, erweiterter Techno-Begriff. Aufschrei-Höhepunkt der besten Partys, Soundtrack, der aus jedem Autoradio kommt.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 17

Was für eine geile Platte.

Ähnlicher Glückseffekt wie durch Dietls "Rossini"-Erfolg: nicht, daß das Kollektiv geschmackstechnisch nicht irren könnte, dauernd aufs grausamste anders empfinden würde als man selbst, ...aber eben nicht immer, manchmal genau NICHT. Manchmal empfindet man wie alle.

Das sind für mich glückliche Momente für, ich wiederhole, die Demokratie.

So ist insgesamt durch Dance geschehen, wovon Kunst, seit es sie gibt, träumt: mitzuwirken daran, daß es eine neue Welt gibt, die - und sei es nur ein Mikrobißchen - besser ist, als die, die war.

Documenta-Chefin Katarina Witt, die dem Konzept Konzeptkunst den wohlverdienten, endgültigen Todesstoß gegeben hat, wird es nicht erkennen können: daß die Love Parade auch heuer wieder wahrscheinlich das große, beste und bedeutendste Kunstwerk dieses Sommers sein wird. Der Augenblick, wo die Gesellschaft sich als Ganzes sinnlich wahrnehmbar zeigt, wahrnimmt, und - ohne all ihr Leid vergessen zu müssen - sich trotz allem, irgendwie, ganz diffus bejaht.

Gerade die angekündigte Haß-Parade wird dabei ihren Beitrag leisten. Dank an die autonomen Bunker-Gabbanauten. Und die rituelle Struktur, die da einspringt, wo das Neue verschwand, hat etwas Mildes, Riesenbäuchiges an sich.

Es ist Juli geworden. Die Love Parade schiebt sich wieder durch Berlin.

Rainald Goetz über die Love Parade im neunten Jahr: Party, Ritual, Politikum – Seite 18

Wer wissen will, wie es wird, schaltet den Fernseher ein, auf Viva. Oder geht selber hin. Habt ihr auch wieder irgendwie auch Angst davor? Ja, jedes Jahr neu. Wird schon werden.

Let the sun shine in your heart.

Alles Gute allen. Peace.