Bonn

Am Montag, dem 7. Juli, erschien die jüngste Ausgabe von 'Bundeswehr aktuell'. Darin verkündeten Experten von der Hardthöhe: "Das Ansehen der Bundeswehr hat sich auf einem hohen Niveau weiter verbessert." Am Abend desselben Tages sendete Sat.1 das Gewaltvideo aus Hammelburg. Jetzt rätseln die Experten herum.

Immerhin gibt es ein paar Fakten: Zwischen Februar und April vergangenen Jahres haben sieben Bundeswehrsoldaten, die in einer Ausbildungseinheit für den Bosnien-Einsatz Dienst taten, ihren Gewaltphantasien freien Lauf gelassen. An drei Tagen spielten und filmten sie in den Mittagspausen Szenen aus dem Bürgerkrieg: Es wird hingerichtet, vergewaltigt, gekreuzigt Fiction vom Kasernenhof. Die soldatischen Laiendarsteller verstehen sich als "Söldner". Ihre Begründung: "Wir haben die Schnauze voll von kleinbürgerlichen Individualisten und Schmalspur-Hengsten."

Mehr als ein Jahr lang existierte das Video, bis es bekannt wurde. Es wurde Kameraden gezeigt, nach Aussage eines Beteiligten auch Vorgesetzten. Man habe sich amüsiert, behauptet ein anonymer Zeuge. Von Empörung, Widerstand oder Meldung nach oben wird nichts berichtet.

Entlastende Mutmaßungen aus dem Verteidigungsministerium, womöglich hätten kommerzielle Sender die Soldaten mit Geld angestiftet, haben sich nicht bestätigt. Immerhin wußte der Verteidigungsminister schon unmittelbar nach Bekanntwerden des Skandals, daß es sich dabei um einen "absolut isolierten Einzelfall einer Handvoll geistig fehlgeleiteter Einzelgänger" gehandelt haben muß: Volker Rühes Standarderklärung für unliebsame Zwischenfälle.

Es gibt auch weniger abwehrende Erklärungsversuche: Sechs Wochen lang mimten die Soldaten im Dienst potentielle Gegner, um ihren Kameraden eine realitätsnahe Vorbereitung auf den Bosnien-Einsatz zu ermöglichen. Die Rolle "der anderen" muß ihnen gelegen haben. Was zu Übungszwecken erlaubt, ja von ihnen gefordert war, spielten die Soldaten in ihrer Freizeit weiter, bis zum Exzeß.

Vom Heckenschützen in der regulären Übung bis zum Killer in der Mittagspause - wie bewußt den Soldaten war, daß sie dabei die Grenze überschritten, das müßten am ehesten die Bundeswehrpsychologen klären. Doch offenbar blieben die Darsteller, die selber nicht für den Bosnien-Einsatz vorgesehen waren, ohne psychologische Betreuung. Vielleicht hätte auch das nichts geholfen. Aber merkwürdig klingen die Worte des Ministers gleichwohl: Die "Perversionen einzelner, die diese von außen in die Truppe hineinbringen", sagt Volker Rühe, dürften sich nicht ausbreiten.