Hanna Johansen ist mit all den Gaben reichlich gesegnet, die eine bedeutende Schriftstellerin ausmachen: Sie verfügt über eine eigene, musikalische Sprache, hat Lust am Wort und Lust an den Wörtern, ein gutes Ohr und genauen Blick, eine keusche Neigung zur Poesie, eine hochgetürmte Bildung, einen durchtriebenen, mitunter nicht ganz so keuschen Witz, Ironie und - welch ein Mirakel in den Breiten der deutschen Literatur - eine Portion Selbstironie.

Damit zur Sache (falls es eine gibt, was sich nicht ohne weiteres ausmachen läßt). Der Untertitel des Werkes sagt, wir hätten es mit einem Roman zu tun.

Vielleicht ist es so: Der Begriff erlaubt eine weitläufige Auslegung. Als Doktorarbeit wurde die "Universalgeschichte der Monogamie" - unter der zerstreuten Aufsicht des Professors Kellermann - vorgeblich begonnen. Rasch entriet sie (was sie sollte) zu einer Parodie des alltäglichen Wahnsinns der Wissenschaft. Die satirischen Tricks könnte die Autorin - die in der Schweiz zu Haus ist - bei Oskar Nebel gelernt haben, dem schlitzohrig-genialen Kolumnisten der Weltwoche, der jedes seiner Sujets mit unerbittlicher Logik dorthin befördert, wohin es gehört: ins Absurde. Kurzum, sie nimmt den Universitätsbetrieb mit seinen institutionellen Idiotien hübsch auf die Schippe.

Am Trapez der höheren Albernheit gelingen Hanna Johansen die schönsten Kapriolen. Dabei kommt ihr entgegen, daß die Ich-Erzählerin (sofern sie erzählt), die Ich-Essayistin, die Ich-Feuilletonistin vorgeben kann, daß sie einst mit dem Ornithologen Anselm verehelicht war und darum die Muster monogamen Verhaltens mit Vorliebe in der Vogelwelt sucht, was seit Konrad Lorenz' Studien über die Graugänse einem populären Interesse entspricht. Die Leser erfahren manches über das Liebes- und Eheleben der besagten Gans, des Rotkehlchens, der Amsel, des Storches (dessen vor allem), des Raben, der Taube, des Pinguins, des Feldsperlings, des Gimpels und der Dreizehenmöwe.

Die Vögel bieten der Verfasserin überdies Gelegenheit, sich an manch camouflierten "Gewagtheiten" zu vergnügen, wie man zu Zeiten der Urgroßmütter gesagt hätte: nein, keine schrillen, schrägen und zuchtlosen - sie bleiben allesamt sanft und verspielt. Die Autorin hüpft am Feldrain der Unschuld gern von einem Füßchen aufs nächste.

Ihre inspirierten Exkursionen ins Reich der Zoologie halten bei unseren gefiederten Freunden nicht ein. Sie zitiert so ziemlich alles herbei, was unter Gottes Himmel kreucht und fleucht. Willentlich eilt sie jeder nur möglichen Abschweifung nach. Kein Umweg ist ihr zu verwegen. Ihre Interessen sind weit gespannt. Sie umfassen die Philosophie und auch das unübersichtliche Gelände der Soziopsychologie. Ob Chaos-, Konflikt- oder Spieltheorie, ob die Kulturgeschichte des Teppichs, die Metamorphosen (nicht nur des Ovid) und die nicht stattfindende Mauser der flügelbewehrten Engel: Nichts ist ihr fern, nichts ist ihr fremd.

Den roten Faden, den sogenannten, läßt sie tausendmal fallen und gibt es auch heiter zu, obwohl sie zugleich sorgend fragt, ob Geduld, Güte und Nerven der Leser nicht über Gebühr strapaziert werden könnten. Assoziationen sausen wie Weberschiffchen hin und her, hinauf und hinab (und um die Ecke). Sie sagt selber, daß sie "vom Hölzchen aufs Stöckchen" und vom "Hundertsten ins Tausendste" komme. Sie sagt fast alles. "Bitte leg das Buch noch nicht weg", ruft sie dem Leser zu, der erst ein knappes Viertel des Textes hinter sich brachte. Oft redet sie den Leser an, beschwörend, tändelnd, schmollend, flötend und flirtend: die virtuelle Verführerin par excellence - a tease, wie die Amerikaner sagen. Im zweiten Buch glaubt sie es sich selber, dem Zeitgeist, der Korrektheit oder der Gerechtigkeit schuldig zu sein, sich nun auch der Leserin zuzuwenden, doch dies will so recht nicht gelingen: der Ton wird flacher. Den Stimmbändern scheint eine Schwingung abhanden gekommen zu sein (als litten sie an Hormonentzug).