Berlin, Kurfürstendamm, an ebenjenem Samstag, da sich - na, mindestens: Millionen Raver umschlingen. Im Haupthaus der Komödie spielen sie gleich "Guten Tag, Herr Liebhaber", und zwar mit Brigitte Mira. Hellgekleidete Damen mittleren Alters sehen unter der Balustrade ein wenig verschämt, zwischen Neugierde und Mißtrauen schwankend, auf die versprengten Love-Paradisten, die bauchfrei und in knappen T-Shirts, teilweise hübsch und ukulele aufgemacht, über die Straße traben, dem Platzregen munter den Nabel bietend, während die begleitenden Herren in Anthrazit vorsichtig balancierend ein Glas Himbeerbowle bringen ... Im kleinen Haus daneben, wo ebenfalls alles so purpurn ist, wie es sich nur gehören kann, empiren gekordelt und weiß furniert, sagt so ein dunkel Gestreifter: "Komm, Schatz!", und dann geht's auf zu Kleists "Amphitryon", wo sich Sosias Mut zuspricht im beinahe selben Tone: Auf jetzt, "mein wack'res Selbst!"

Sosias ist ein treuer Schalk und Diener, von dessen Witz und Staunen viel abhängt in Kleists Verwechslungsspiel. Er reibt sich lediglich die Augen, kratzt sich den Rücken und die Stirn, wenn er auf seinen Doppelgänger Merkur trifft, um sich und ihn zu überzeugen, daß er, Sosias, doch er selber sei: "Mein Zeuge, mein glaubwürdiger, ist der / Gefährte meines Mißgeschicks, mein Rücken."

Doch wenn Sosias nicht so irden abirren und wieder glauben könnte, wären alle Verwirrungen, in die der herrscherliche Amphitryon und die zauberhafte Alkmene geraten, alle Selbstreflexionen dieser edlen Geister und des göttlichen Jupiter allein auf das Büttenpapier der Identitätsphilosophie geschrieben: Sosias ist der Verbündete des Publikums, der leiblich zweifelnd Verzweifelnde, der das Geschehen zum Theater macht. Wenn er das Spiel verliert, können die anderen es nicht mehr retten. Doch hier gewinnt Holger Kunkel sein Publikum schon mit dem ersten Satz und seiner ersten großen Szene, in der er seine Fürstin und sich selber spielt und seinen Auftritt vor ihr probt: wie er mit ihren Hüften schwingt und ihrer Stimme gurrt, um dann mit seiner Unschuld bübisch zu kokettieren, wie er in seiner Handfläche dem Parkett und seiner erdachten Alkmene den ganzen gewonnenen Krieg vorspielt - das ist beileibe so, daß jeder hingerissen ist von ihm (wenn nicht gar von Kleist selbst!), und so wird alles gut in der Komödie am Kurfürstendamm.

Es ist ein schneller Kleist, den sie hier spielen kein theatralisches Hochamt, sondern ein deutsches Lustspiel nach Molière, in dem für jeden, der es erlauschen will, das Denken aufgehoben ist, aber für alle, denen Erkenntniskrise piepe und das Göttliche fern, es dennoch ganz gelungenes Theater gibt, charmant und höchst lebendig und klug bis in die Streichungen.

Wenn Merkur den Sosias zwingt, ihm nicht nur seinen Namen, sondern auch Walkman und Flachmann abzutreten (wobei er an ersterem schnüffelt, das Ding sich dann auf die Ohren setzt und zuckt wie all die jungen Menschen draußen), wenn Alkmene und Amphitryon während ihres Streitgespräches höchst präsidial (etwa wie Jacqueline und John F.) und beiläufig mit einstudiertem Lächeln ins Volk (Parkett) hinunterwinken, wenn schließlich Dienerin Charis mit dem Staubsauger in die Liebe platzt - dann bilden diese Einfälle von Martin Woelffer die Hühnerleiter der Regie für alle, welche die Freitreppe zum Kleistschen Land der Griechen nicht nehmen können. Auch darin erinnert dieses Privattheater (das gerade Ayckbourn und Simon inszenierten) auf angenehmste Weise an jene Tradition der nichtsubventionierten englischen Bühnen, die ihr Publikum weder langweilen noch verärgern dürfen, wenn sie überleben wollen, und die dennoch ihren Ehrgeiz nicht dem Schwank hinopfern wollen.

Das letzte "Ach!" ist nun verklungen. Alkmene (Adisat Semenitsch) hat es ganz skeptisch und doch anders ausgeseufzt, als sie den Abend über die Geliebte gab: eher trocken, zwar nicht ohne Temperament, aber mit Schulmädchenverstand die Dinge prüfend, reizend, mit Charme, aber banal. In der beinahe vorletzten Minute dieses sehr kurzweiligen Abends entdecken Amphitryon (Klaus Lehmann) und sie die Langsamkeit, und seine Ansprache ans Publikum, gebrochen, grau zitternd, vor Erfahrung gehärmt und gehärtet, ist trotz aller Komödie, so wie ihr letztes Wort, ergreifend. Draußen ist wilde dunkelblaue Nacht, der Mond grüßt halberweis auf den Kurfürstendamm, und wer jetzt ein Autofenster sein eigen nennt, der läßt einen Raver raushängen, zum Techno jubeln und mit den Armen schwenken. Jupiter hat auch ihn geküßt.