Eine kurze Frage genügt, um James Wolfensohn zur Weißglut zu bringen: "Warum hat die Weltbank Ihren Speisesaal mit Gold täfeln lassen?" Der stämmige, kleine Mann, der eben noch entspannt im tiefen Sofa gesessen hat, richtet sich auf, dann wettert er los: "Das ist der größte Mist, den ich je gesehen habe. Ein Keller ohne Fenster. Ich esse überall. Ich brauche keine Goldwände." Ein australischer Farmer könnte so reden, mit diesem breiten Akzent, so wütend und verletzt: "Ich war in 52 Ländern, ich habe wahrscheinlich mehr Slums, Dörfer und Projekte gesehen als jeder andere in der Bank. Ich kann davon erzählen. Und dann werde ich nach meinem Speisesaal gefragt - überall auf der Welt, immer wieder."

Leidenschaft: Wenn über James Wolfensohn gesprochen wird, fällt dieses Wort häufig. Der Mann, der die Weltbank auf Trab bringen soll, ist bekannt für seine Emotionen, und die wiederum lassen seine Mitmenschen nicht kalt.

Charmeur, Messias, Verführer, Egomane, Despot - die Bezeichnungen wechseln.

Aber in einem sind sich alle einig: Wolfensohn ist das Gegenteil eines Bürokraten, er hat sich seiner Aufgabe mit Haut und Haaren verschrieben. Und die umschreibt der gebürtige Australier und eingebürgerte Amerikaner so: "Die Bank besser machen, damit die Welt besser wird."

Große Worte, hinter denen ein knochentrockener Job steckt. Als der Investmentbanker Wolfensohn vor gut zwei Jahren den Job an der Spitze der Weltbank übernahm, war das Image der Organisation gründlich lädiert. Die Weltbank stand für die Finanzierung umweltschädlicher Mammutprojekte, dafür, arme Länder ohne Rücksicht auf Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen zum Sparen zu zwingen, und für neoliberale Propaganda. All das kritisierte eine wachsende Koalition aus Dritte-Welt-Gruppen, Umweltinitiativen, Parteien und sogar Regierungen. Pünktlich zum Geburtstag stellte die Kampagne "Fünfzig Jahre sind genug" schließlich gar die Existenzberechtigung der Bank in Frage.

Zu offensichtlich hatte die Institution mit ihren zehntausend meist in Washington lebenden Bürokraten bei ihrer wichtigsten Herausforderung versagt: der Bekämpfung von Hunger und Armut.

Wolfensohn besuchte Projekte, sprach mit Kritkern und Kunden - und handelte: Stolz wirbt er mittlerweile damit, die Bank sei der weltweit größte Finanzier von Ausbildungsprogrammen für Mädchen und ein wichtiger Geldgeber für Umweltschutzprojekte. Die besten Argumente für den Umbau bekommt Wolfensohn aus der Bank selbst: Schon 1982 hatte der damalige Vizepräsident Willi Wapenhans moniert, daß ein Drittel der Projekte nicht einmal die selbstgesteckten Ziele erreichte. Noch Ende vergangenen Jahres forderte die interne Kontrollabteilung, das gesamte Projektportfolio mit 1743 Projekten im Wert von 143,3 Milliarden Dollar grundsätzlich zu überprüfen. Nur wenige Projekte hätten überhaupt Erfolgskriterien. Robert Picciotto, der Chef der Evaluierungsabteilung, ist heute allerdings optimistisch. Wolfensohn habe der Bank ein "Rendez-vous mit dieser Realität" verordnet.