Noworossijsk Eine Stadt lebt im Alarmzustand. Das Grauen war schwarz, wog 386 Tonnen und hat das Hafengebiet verseucht. Als die Pipeline Anfang Juni zerbarst, floß das Öl wie heiße Lava den Berg hinunter bis ins Meer. Keiner vermochte den klebrigen Strom aufzuhalten, in der Bucht von Noworossijsk schwappte ein schwarzer, stinkender Teppich. Reinigungsgeschwader saugten Öl auf, schrubbten Straßen und harkten Brachen. Der Skandal allerdings war nicht zu vertuschen. Geplatzt war nicht irgendein rostiges Rohr aus sowjetischer Vorzeit, sondern eine neuwertige Anlage, kaum ein Jahr alt: der Stolz kroatischer Ingenieurkunst.

Nun ist das Öl in Verruf geraten in einer Stadt, die doch vor allem vom Öl lebt. Bei einer Diskussion versuchen Moskauer Politiker die Bürger zu überzeugen, wie vorteilhaft der Ölhafen für Noworossijsk doch sei. "Eiskalte Scheusale!" unterbricht eine Ärztin den Vortrag. "Bei uns ist die Umwelt schon so verschmutzt, daß die Kinder krank geboren werden. Wer will uns da weismachen, wir seien vor weiteren Katastrophen sicher?" Die Bürger mißtrauen der Zukunft und jenen Besuchern in feinen Anzügen, die der verfallenden Stadt einen glänzenden Aufschwung verheißen.

Rußlands einziger großer Schwarzmeerhafen soll zur wichtigen Verladestelle für das neue Kuwait am Kaspischen Meer werden. Großmächte und global agierende Konzerne messen sich dort im Kampf um die viertgrößten Ölreserven der Welt. Die Hauptstadt des Ölfiebers, Baku in Aserbajdschan, ist für amerikanische Senatoren, britische Manager und norwegische Ölspezialisten zur zweiten Heimat geworden. Doch das reiche Baku, eingekreist von Krisenregionen und abgeschnitten von den Märkten, ist nichts ohne eine Pipeline zur Welt, nichts ohne einen Schwarzmeerhafen - wie Noworossijsk.

Schon heute enden in Noworossijsk zahlreiche Leitungen. Zum Gewirr von silbrig schimmernden Röhren, die sibirisches Öl an die Mole der russischen Stadt pumpen, werden bald weitere Pipelines kommen. Sie sollen das aserbajdschanische und das kasachische Erdöl aus dem Kaspischen Meer nach Noworossijsk transportieren. Die Ölmultis der Welt schauen auf diese Stadt, wie schon zu Beginn des Jahrhunderts. Als die Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg die Stadt stürmten, 1920 war das, schossen sie die Tanks der Standard Oil Company und damit die halbe Stadt in Brand. Solche Katastrophen haben die Menschen nicht vergessen.

"Geld ist wichtig", sagt der Vorsitzende des Stadtparlaments von Noworossijsk, Witalij Taranez, "aber eine saubere Umwelt ist wichtiger." Was die Ölfirmen und die Moskauer Regierung hier vorhaben, kann er nur ahnen: "Man fragt uns nicht. Über die Projekte erfahre ich aus der Zeitung."

Noworossijsk, zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer gelegen, ist nur ein Feld des Schachbretts, auf dem Politiker und Konzernchefs um die Ölreserven des 21. Jahrhunderts spielen. Die Züge werden an weit entfernten Orten geplant.

Zuerst natürlich in Moskau. Hier sind selbstherrliche Energie-Bürokraten und Ölbarone lange Zeit nicht darüber hinweggekommen, daß ihnen mit dem Zerfall der Sowjetunion die Kontrolle der kaspischen Ölfelder entglitten war.