RTL, Freitag, 11.7.: "Karls Kneipe" Samstag, 12.7.: "Kennen Sie den?"

Fragt die Indianertochter ihren Papa: "Warum heißt meine große Schwester Leuchtender Sommerabend?" - "Weil die Sonne so schön unterging, als deine Mutter und ich sie zeugten." - "Und warum heißt mein großer Bruder Heftiger Sommerwind?" - "Weil ein tüchtiger Sturm tobte, als deine Mutter und ich ihn zeugten. Aber sag mal, Tochter Kaputtes Gummi, warum willst du das wissen?"

Na? Kommt nur halb, dieser Witz, nicht wahr - ein bißchen peinlich ist's einem doch, ihn hier gedruckt zu sehen. Witze wollen erzählt werden, nicht gelesen, sie wollen ihre bescheidenen Pointen in einer Atmosphäre intimer Geselligkeit zünden. Dazu gehört das werbende Grienen des Witzeerzählers, gehört die Chance für seine Zuhörer, ihm dankbar auf den Arm zu klopfen oder durch Lachstreik zu strafen. Insofern ist auch das Fernsehen kein passendes Medium für Witze. Man kann schließlich Mike Krüger nicht mit dem Ellenbogen in die Seite puffen, obwohl der immer so aussieht, als ob ihm das gerade passiert.

Daß aber Fernsehsender und Unterhaltungsredaktionen nicht aufhören, das mattscheibenferne Feeling der kleinen, ausgelassenen Runde, die quatscht, klatscht und Witze erzählt, einfangen und ausstrahlen zu wollen, um der Quote aufzuhelfen, spricht dafür, daß der Charakter des Mediums sich weiter in Richtung Beiläufigkeit, Kleinteiligkeit und Intimität wandelt. Es reicht aber noch nicht. Die Tatsache, daß ein Fernsehstudio ein Fernsehstudio ist und keine Wohnküche, teilt sich vorderhand störend mit und hindert Mike Krüger, seine Show "Kennen Sie den?" aus dem Druck einer qualvollen "Witz-komm-rausdu-bist-umzingelt"-Lähmung zu erlösen.

Ähnliches gilt für Karl Dall, der auch nicht dran vorbeikommt, daß er Entertainer ist und nicht Kneipenwirt. Wahrscheinlich wäre er viel lieber Kneipenwirt geworden, das jedenfalls ist es, was er uns mit Gesten und Gebrummel glauben macht. Als Wirt wäre er bestimmt genauso populär, aber eben nicht republikweit, und ob die Kasse dann genauso stimmen würde, ist die Frage. Also bitte, Karl Dall, man kann nicht alles haben. Wenn man im Fernsehen ist, reicht es nicht, sich gegen die Theke zu lümmeln, Bier zu trinken und Karl Dall zu sein - da müßte schon noch was dazukommen. Obwohl der Sponsor dieser Sendung, die Firma Hasseröder Pils, ganz zufrieden zu sein scheint, wenn ihr Produkt unbestritten und gut sichtbar im Mittelpunkt steht.

Das Problem ist nur, daß bei dieser Art innercircle-Programm, wo jeder jeden kennt und Dall den Gast Karasek mit "Darf ich Hellmuth sagen?" begrüßt, das Publikum auch gern dazugehören und zumindest in Karls Kneipe ein Bier bestellen will.

Bis es soweit kommt, das heißt, bis die Stammtischstimmung problemlos zwischen Wohnzimmer und Studio floatet und es völlig egal ist, ob Dall anhebt: "Kennst du den mit dem blinden Krokodil ..." oder ob Mutti kichert: "Fragt die Indianertochter ...", wird Fernsehen Elemente von Öffentlichkeit, auf welcher Schwundstufe auch immer, herstellen, und Sendungen werden wenigstens einen kleinen Schritt über die Feierabendentspannung ihrer Macher hinausgehen müssen. Es steht zu befürchten, daß das minimalistische Entertainment à la Dall und Krüger durch fortschreitende Anspruchssenkung sozusagen implodiert und sich selbst abschafft. Will es das etwa? Wär' doch arg schade um Klappauge und Supernase.