Als wir Kinder waren, spielten wir, dem Knaben Goethe ähnlich, mit Puppen: Räuber, Teufel, Gretel Grusel und Liebe und jede Menge Hiebe. Später vergaßen wir die anarchische Fabulierlust, nannten unsre Künste, auf Zeit, Raum und Wirklichkeit nicht achtgeben zu müssen, bloß einen Schmarrn, einen Kinderkram, wurden Zahnärzte und Journalisten, und die Welt wurde grau und bedurfte schon der Karibik, um wieder mal bunt zu leuchten.

Wenige haben es geschafft, die Nabelschnur zum wilden Kinderreich nicht reißen zu lassen. Sie reiften als Kinder, grau wurde bloß ihr Haar. Herbert Achternbusch ist so einer, Pablo Picasso wohl auch. Je mehr die beiden ihr Haar verließ, desto kantiger bildeten sie ihre Schädel heraus, Köpfe wie der holzgeschnitzte Zäpfelkern, immer größer die Augen, immer staunender der Blick. Sinnlichkeit, fettfrei asketische Lust. Sein wie die Kinder und alles in sich wissen, an sich können (jaja, Kleists Marionettenfabel).

Achternbusch dreht Kinderfilme, wie kein Kind, versteht sich, sie je machen kann. Da geht alles durcheinander, ist alles möglich, vieles blöd (für uns), nichts logisch, kaum was wahrscheinlich: "Wenn sich das Kino um Wahrscheinlichkeiten kümmerte", sagt Achternbusch, "gäbe es das Kino nicht."

Schreiben ist eine andre Möglichkeit (und er macht's, Buch für Buch) Malen und Zeichnen sind ideale Künste dafür: Achternbusch malt, strichelt, wischt Farben, tupft Blau, streicht heftiges Gelb dazwischen - vor zehn, fünfzehn Jahren entstanden dabei abstrakt geometrische Bilder in heftiger Leuchtkraft, mit Deckfarben, oft über eine Zeitungsseite hingemalt (daß manche Meldung darunter noch schwach lesbar blieb). Expressiv, expressionistisch und ungebärdig war das und erinnerte an Kirchner, Schmidt-Rottluff, den Zigeuner-Müller. Nun, in seinem jüngsten Bilderzyklus "Takla Bash" (insgesamt 67 Tafeln), ist er zu den Anfängen des Malens vorgedrungen, zu den Wilden, den Kindern der Menschengeschichte.

Die Serie - zur Zeit mit dem Goethe-Institut auf Tournee - war wenige Wochen im Münchner Marstalltheater ausgestellt, auf dem Boden ausgelegt, an die Wände gehängt, anstelle einer Theateraufführung. Der Besucher trat in ein Zauberreich, so, als tauchte er ins Innere einer Pyramide (Maya oder Ägypter), zwischen Indianerzelte mit ihren Brandmalereien, in die Höhle von Lascaux oder ins Graffitireich mutiger Kinder. Pferde, Maskengesichter, Blumenblätter und Indianer, mal aufgewühlt grellbunt und scheinbar hingesudelt, mal streng geometrisch liniert und ornamentiert, mal wie ein freigekratztes Mauerfresko oder ein Papierpalimpsest aus Vergangenheiten.

Paul Klee, Otto Müller, Pablo Picasso - immer ganz Achternbusch. Acryl, Deckfarben, Aquarell auf Japanpapier und auf Zeitungsblättern.

Takla Bash ist ein Mädchenname, und gemalt hat Achternbusch, der ein Quartalskünstler ist, abwechselnd im Schreibtaumel, im Malrausch, in Konzentration auf den nächsten Film, in Kontemplation im "Weißen Bräuhaus" - gemalt hat er diese 67 Bilder in den Mai- und Junimonaten der Jahre 94 bis 96, als seine (derzeit jüngste) Tochter zur Welt kam und dann auf dieser Welt war. Es sind also glückliche, strahlende Bilder Märchen, Wunder, Abenteuer mit Tieren, Wolken und Blumen. Manchmal geht der Dichtermaler über den Marienplatz, leicht vorgebeugt seinen weisen Kasperlkopf, einen Kinderwagen schiebend, und die Tochter flattert mit weiten Armschwüngen zwischen den Münchnern und den Touristen über die Platten: fertig zum Fliegen.