Im März 1943 geschah in Berlin etwas Unglaubliches. Nachdem Gestapo und SS am 27. Februar morgens damit begonnen hatten, die letzten in Berlin lebenden Juden aus Fabriken und Wohnungen zu verhaften, in vorbereiteten Lagern zu internieren, um sie anschließend in die Vernichtungslager "im Osten" zu deportieren, kam es vor einem improvisierten Gefängnis, dem Gebäude der Sozialverwaltung der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße, in das Juden, die in sogenannten "Mischehen" lebten, gebracht worden waren, zu Protesten der nichtjüdischen Ehefrauen. Hunderte von Frauen sammelten sich täglich vor dem Gebäude und forderten lautstark: "Gebt uns unsere Männer wieder!" Das Regime drohte, fuhr sogar Maschinengewehre auf. Vergebens, nach einer Woche gab die Naziführung nach und entließ die rund tausend Männer.

Joseph Goebbels, neben seiner Funktion als Propagandaminister auch NSDAP-Gauleiter von Berlin, schrieb am 6. März in sein Tagebuch: "Es haben sich da leider etwas unliebsame Szenen vor einem jüdischen Altersheim abgespielt, wo die Bevölkerung sich in größerer Menge ansammelte und zum Teil sogar für die Juden etwas Partei ergriff. Ich gebe dem SD Auftrag, die Judenevakuierung nicht ausgerechnet in einer so kritischen Zeit fortzusetzen.

Wir wollen uns das lieber noch einige Wochen aufsparen dann können wir es um so gründlicher durchführen."

Der amerikanische Historiker Nathan Stoltzfus hat in einem beeindruckenden Buch nicht nur den wohl einmaligen und bewundernswerten Protest in der Rosenstraße untersucht (in der ZEIT vom 21. Juli 1989 hatte der Autor bereits über die Aktion berichtet), sondern auch die Geschichte einer Gruppe von Verfolgten geschrieben, deren Schicksal, obwohl es Hunderttausende von Deutschen betraf, bislang wenig beachtet worden ist: der sogenannten "Mischlinge" und Juden in "Mischehen".

Was sollte mit "Mischlingen" geschehen, die christlich getauft und aufgewachsen waren? Sollten sie derselben Verfolgung unterworfen sein wie diejenigen, die jüdischen Glaubens waren? Sollten "Halbjuden" deutsche "Volksgenossen" heiraten dürfen oder nur Juden? Was war mit den Zehntausenden von Juden mit einem christlichen Ehepartner? Machte es einen Unterschied, ob sie christlich oder jüdisch erzogene Kinder oder überhaupt keine besaßen?

Sollte man den nichtjüdischen Teil zwingen, sich von seinem Partner scheiden zu lassen, um diesen dann uneingeschränkt verfolgen zu können? Nur diese wenigen Fragen zeigen, vor welchen selbstgeschaffenen Problemen sich die Nazis sahen. Denn je weiter sie den Kreis der Verfolgten zogen, desto mehr drangsalierten sie deutsche Familien, die womöglich mit ihren jüdischen Verwandten nichts im Sinn hatten oder sogar das neue Regime unterstützten. Es wäre ebenso töricht gewesen, diese "guten Volksgenossen" vor den Kopf zu stoßen, wie die beiden großen Volkskirchen mit Maßnahmen wie Zwangsscheidungen zu provozieren. Die Nazis konnten sich nicht einmal sicher sein, ob die jeweiligen Kirchenführungen die Verfolgung von getauften Christen, die jetzt als Juden definiert wurden, widerstandslos hinnehmen würden, wie sie es dann später mehr oder weniger taten.

Das NS-Regime beruhte, wie Nathan Stoltzfus zeigt, zu einem großen Teil auf der Konsensbereitschaft der Bevölkerung. Hitler, der davon überzeugt war, daß der Erste Weltkrieg durch die kriegsmüde Stimmung in der Heimat verloren wurde, scheute stets, die Loyalität der Deutschen auf die Probe zu stellen.